Was heisst „integral“?

Bewusstsein1

von Gary Zemp

Ein Beitrag zur Annäherung an einen komplexen Begriff

Integral ist eine Bewusstseinsqualität. Es ist das Bewusstsein, das unser individuelles Menschsein, aber auch die Menschen, die menschliche Gesellschaft, die Gesellschaft aller Lebewesen, die Natur, die Welt und den Kosmos als Ganzheit intuitiv wahrnimmt. Die Wahrnehmung als Ganzheit basiert auf der Erkenntnis, dass alles was ist miteinander in Verbindung steht. Dieses Wissen um die Allverbundenheit bewirkt beim integral-bewussten Menschen einen achtsamen und einfühlsamen Umgang mit der Mitwelt und erzeugt eine Haltung der Liebe, des Dienstes am Leben, der Konstruktivität und der Kreativität. Eine der herausragenden Eigenschaften des integralen Bewusstseins ist seine Fähigkeit, das «Ich» als Operationszentrum des Menschen als Objekt wahrzunehmen und damit die Egozentrik zu relativieren.

Ein möglicher Weg zur persönlichen «Integralisierung»

Die Integralisierung des Menschen führt zum bewussten Individuum, wörtlich zum ungeteilten, ganzen und heilen Menschen. Das gelingt dann, wenn wir die aus sich heraus aktiven Intelligenzen und Wünsche des Instinkts, der emotionalen Lebensebene und des Verstandes unter die Führung unserer intuitiv-geistigen Intelligenz stellen. Das ist leichter gesagt als getan, weil die Intuition ausschliesslich im rezeptiven Modus arbeitet: sie lässt sich bitten. Das geschieht durch meditatives Hinhören nach innen. Die intuitiv-geistigen Erkenntnisse und Bedürfnisse offenbaren sich nur dem, der sich öffnet und vertraut. Die Kunst liegt also darin, dass wir das integrale Bewusstsein weder suchen noch finden noch erreichen können, sondern dass wir nur vieles unternehmen können, damit es uns findet. Deshalb spricht die Entwicklungspsychologie von einem Entwicklungssprung. Ein integrales Leben beginnt mit der authentischen Umsetzung der intuitiv-geistigen Einsichten in unser alltägliches Tun.

6 Kommentare zu “Was heisst „integral“?

  1. Zum ersten Mal lese/höre ich von einem integralen Bewusstseinszustand. Ich habe genau verstanden, dass hier vom Gewahrsein der Einheit die Rede ist, was nur in der Haltung der Liebe möglich ist, ansonsten der Mensch sich nicht in der Einheit befände und aus der Einheit heraus wahrnehmen, denken, verstehen, fühlen, schliessen, entscheiden und handeln könnte.
    Als traditionell gläubiger Mensch freue ich mich darüber, dass diese Lebenshaltung in der Gesellschaft immer häufiger anzutreffen ist, gerade auch bei Menschen, die einer traditionellen Religiosität oder sogar grundsätzlich einem Glauben an Gott kritisch gegenüberstehen. Es ist meine Überzeugung, dass die Zukunft der Menschheit auf integralem Bewusstsein basiert; unter diesem Aspekt dürfen wir voller Zuversicht sein. Wird in religiös-esoterischen Kreisen dieser Zustand nicht als Christusbewusstsein bezeichnet? Paulus sagt: “Wer begreift den Geist des Herrn? Wer kann ihn belehren? Wir aber haben den Geist Christi.” (1 Korinther 2,15 + 16)
    Nicht jene, die sich zu einer Religion bekennen – und wäre diese Religion auch das Christentum – haben den Geist Christi, sondern jene, die zutiefst wahr den Geist der Einheit aus der Liebe leben. Ich beobachte, dass auch areligiöse Menschen durchaus integrales Bewusstsein anstreben.
    Integrales Bewusstseins widerspricht meines Erachtens weder der Liebe, noch schliesst es die These aus, dass Jesus der Erlöser bzw. Gott ist / sein kann. Aber integrales Bewusstsein befasst sich mit der Wahrheit, mit der Realität auf dem Weg und also mit dem Leben selbst, im Bewusstsein, dass alles eine Einheit ist. Ein weiteres Merkmal: es urteilt, ohne zu verurteilen, lässt frei, denkt frei und liebt frei (freilieben).

    Ich bin Christ aus Überzeugung und beobachte mit Freude, dass sich das Christusbewusstsein in allen Schichten durchsetzt.

    Herzlichen Dank für den Beitrag!
    Mitleser

  2. Sehr geehrter Herr Zemp.

    Ich wäre um ein paar Klärungen froh:

    1. “Die Kunst liegt also darin, dass wir das integrale Bewusstsein weder suchen noch finden noch erreichen können, sondern dass wir nur vieles unternehmen können, damit es uns findet.” Meinen Sie das metaphorisch oder denken sie, dass ein solches Bewusstsein unabhängig von uns existiert?

    2. “Erkenntnis, dass alles was ist miteinander in Verbindung steht.” Könnten Sie das genauer erläutern? In einer Lesart ist es trivial, schliesslich hat alles irgendwie einen Einfluss aufeinander (Schwerkraft etc), in einer anderen Lesart wird es spektakulär, inwiefern haben die Steine in meinem Garten mit den Wahlergebnissen in den USA zu tun?

    3. “Eine der herausragenden Eigenschaften des integralen Bewusstseins ist seine Fähigkeit, das «Ich» als Operationszentrum des Menschen als Objekt wahrzunehmen und damit die Egozentrik zu relativieren.” Was ist genau falsch daran, egozentrisch zu sein?

    Vielen Dank

  3. Lieber Epidophekles

    Deine recht unfreundlichen Worte gegenüber Andersgläubigen berühren mich sehr. Ich verstehe durchaus, dass der Glaube an einen allmächtigen Gott und seinen Sohn Jesus Christus eine wunderbare Kraft erzeugt, allerdings nur dann wenn er als wirkliche Wahrheit empfunden wird. Aber es gibt auch andere Wege zum Glück: Millionen von Menschen beziehen ihre Lebenskraft aus anderen Glaubensbekenntnissen und immer häufiger aus anderen Vorstellungen über Struktur und Wesen des Lebens. Wenn wir Menschen auf dieser Erde miteinander auskommen wollen – und das ist meiner Meinung nach in der heutigen Zeit notwendiger denn je – braucht es unbedingt Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Glaube und Toleranz unter einen Hut zu bringen, das ist bestimmt keine leichte Aufgabe. Aber sie ist wichtig, und wir Alle sollten uns darum bemühen. Nur so können wir noch grösseres Leid unter den Menschen verhindern. Kann die Liebe da eine Brücke bilden? Ich wünsche Dir die Einsicht, wie Du Deinen Glauben mit der nötigen Toleranz gegenüber Andersgläubigen verbinden kannst.

    Peter Kunzmann

    • Lieber Peter,
      hab Dank für Deine Freundlichkeit. Das kommt schon etwas anders herüber als meine Replik. Was soll ich dazu sagen?

      Ich bereue es nicht, denn mein Geisteshorizont ist nicht so eng, wie es den Anschein erwecken mag. Aufrütteln ist angesagt, denn die Zeit, während der der Mensch auf der Erde lebt, ist sehr kurz. Wir sollen uns nicht hier so einrichten, als würden wir ewig auf der Erde leben. Das Leben hat einen viel höheren Sinn, auch das Leiden in der Materie auf der Erde im Fleisch. Das gilt es zu verstehen. Dann bringe ich grosse Hoffnung, und das ist doch sehr freundlich gedacht, nicht wahr?

      Der Mensch ist ein geistiges Wesen mit einer Seele und auf der Erde mit einem Körper ausgestattet, der es der Seele erlaubt, hier zu dienen, oder zur Illusion verführt, dass das Vergängliche durch geistige Konstrukte abseits des Höchsten veredelt werden könne.

      Das Letzte war nun sicher wieder nicht gerade sehr freundlich. Darum nur noch

      Liebe Grüsse!

      Epidophekles
      http://innodoj.ch/cgi-bin/bd/YaBB.pl?num=1392863219/0#7

  4. Diese Definition ist sehr kompliziert und diffus. Sie entstammt dem Denken eines einzelnen, das gelenkt ist von illusionären Gedankenwellen, die von Wünschen gesteuert und in einen leeren Raum projiziert werden, um ihn zu füllen. Nein, ich möchte kein solcher Mensch sein, ich habe mein Glück gefunden auf seelischer und geistiger Ebene. Es ist die Liebe, über die schwer angemessen reflektiert werden kann, sondern erlebt werden muss, man sich also in sie hinein wagen und begeben muss. Ohne Wille keine Liebe, unser Wille ist gefragt! Aber Wille allein genügt nicht, sondern Bereitschaft und Vertrauen. Und dann kann die Seele frei werden im Geiste des Einen, der alles aus Liebe für die zu erweckende Liebe in seiner mit Menschenweisheit nicht zu erfassenden Schöpfung geschaffen hat. Das genial geschaffene Geschöpf steht immer vor der Wahl, ob es sich überheben und seiner eigenen Genialität rühmen oder sich in die Weisheit und Liebe des Schöpfers hinein begeben und in Seiner Kraft bewusst leben lernen möchte, wo es sich erst seiner selbst in rechter Weise bewusst wird und richtig entfalten kann.

    Jeder muss selbst prüfen, was es mit Jesus Christus auf sich hat, keiner kann ihm das abnehmen. Wenn so viele Menschen aus dem Glauben an Jesus einen chaotischen Sumpf geschaffen haben, heisst das nicht, dass Jesus der Schuldige ist und nicht Der, als den er sich selbst vorgestellt hat. Jesus ist der Erlöser aus der gefallenen Schöpfung heraus, er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ein Gott ausserhalb Seiner ist nicht zu finden, sondern nur die Hölle, die Selbstüberschätzung, Selbstzerfleischung und Hass. Wer wahren Frieden will, der kommt nicht an Jesus vorbei, alles andere ist leeres verblendetes Geschwätz.

    Mit freundlichen Grüssen
    Epidophekles / Alois