Ein IPler in der Realpolitik – Aufruf zur Begegnung

Seit dem 1. Juli bin ich als Gemeinderat in der kleinen Gemeinde Boniswil am Hallwilersee tätig. Dazu kam ich wie die Jungfrau Maria zu ihrem Kind. Niemand wollte sich offiziell für das freigewordene Amt bewerben. Schliesslich kam es zu einer freien Wahl, bei der jede stimmberechtigte Person des Dorfes wählbar war. Ich ging zu meinem Nachbarn um ihn zu bewegen, sich für das Amt zur Verfügung zu stellen. Er lehnte ab. Also begann ich für mich selber zu werben und der Verein „Zukunft Boniswil“ unterstützte spontan mein Unterfangen. Das absolute Mehr (über 50% aller Stimmen) erhielt ich bereits im ersten Wahlgang. Somit bin ich wohl der erste offizielle IPler in einem politschen Amt dieser Art.

Was bedeutet aber das und was ist das IP-Spezifische daran? Wie lässt sich der ganzheitliche und achtsame Moment in einer Exekutive überhaupt verwirklichen, wenn bereits so vieles vorgespurt ist? Diese Frage beschäftigte mich von Beginn an. Natürlich schaue ich alles aus einer etwas anderen Brille an, z.B. aus einer eher ökologisch-spirituellen Sicht. Was hat das aber mit der kleinen Begrüssung zu tun, die ich am Nationalfeier-Brunch ausrichten durfte? Was hat das mit dem Ausbau einer Kantonsstrasse zu tun oder meinem Mitwirken in der Fernsehgenossenschaft, in der ich automatisch wie auch unerwartet im Vorstand mitwirken darf? Wie kann ich die Haltung von Suffizienz einbringen und wo ist achtsame Stille möglich?

Ich möchte hier ein paar kleine Antworten wagen. Zuerst möchte ich aber vorausschicken, dass das Kollegium des Gemeinderates mir sympatisch ist. Es sind vier Mitstreiter*innen, denen ich ihre politische Couleur kaum anmerke. Ich begegne echtem Wohlwollen, welches von Interesse und Offenheit getragen ist. Und manche tragen ein integrales Bewusstsein in sich, ohne dass sie es mit diesem Etikett versehen. Wie kann aber ich mich integral einbringen? Hierzu zwei Schwerpunkte, die mir wichtig sind:

  1. In der täglichen Sachpolitik suche ich eine Haltung, die unvoreingenommen ist. Ich lasse mich nicht von Schwarz-weiss-Denken mitreissen, sondern von meiner Sorge fürs Ganze. Dabei achte ich auf meinen Körper, wenn es um Entscheidungen geht, und nicht auf vorgespurte Meinungen. So bin ich glücklich, dass unsere Asylsuchende ein von der Geminde gekauftes und sanft renoviertes Häuschen bewohnen können, reagiere aber kritisch, wenn ihnen alle Tagesprobleme abgenommen werden, sie also nicht selber etwas strampeln müssen, um ein Problem zu lösen. Ich will nicht, dass sie sich uns ausliefern und dabei entmündigen lassen, auch wenn dies zuerst manchal einfacher ist. Es geht mir hier um das Gefühl von Würde und der Zumutung, dass selbstbestimmte Begegnungen in der Fremde einen Schritt von beiden Seiten abverlangen.
  2. Der Schritt in ungewisse Begegnungen wird auch von mir gefordert. Diese Woche hatten wir Gemeindeversammlung. Die Mehrheit der Anwesenden äusserten sich wohlwollend zu einem Begegnungsplatz, der für Kinder und Familien projektiert worden war, aber mir fielen mehrere junge Männer auf, die teilweise bitter das Projekt bekämpften. Einer unter ihnen äusserte sich auch sehr kritisch gegenüber den neu gewählten Gemeinderäten, die nichts anderes als fremdgesteuerte Marionetten seien. Ringend rief er in den Saal: „Ich bin enttäuscht!“ Nach der Versammlung machte ich mich auf, um ihn kennenzulernen. Mein Kopf sagte mir zwar, dass ich ihn nicht ernst nehmen sollte, in meinem Bauch verspürte ich aber echte Neugier nach einer Begegnung mit diesem Menschen, der mich so eindeutig als Feind ausmachte. Leider war dieser junge Mann bereits weg, aber es gab auch noch die anderen Männer, die mich misstrauisch beäugten und mir offensichtlich nicht wohlgesinnt waren. Einigen gab ich die Hand und suchte das Gespräch. Es war kein einfacher Moment, denn auch in mir tönte eine Stimme die mir sage: „Mit denen willl ich nichts zu tun haben!“ Ja, ich hätte unter „Meindesgleichen“ bleiben und die andere Seite meiden können. Das wäre für mich einfacher gewesen. In meinem Bauch verspürte ich aber diese Neugier und die Lust nach Begegnung. Also machte ich mich auf, um vermeintlich feindliche Hände zu schütteln. Es waren aber keine Feinde, denen ich begegnete. Es waren Menschen wie du und ich, die zuerst etwas widerwillig, sich dann aber zunehmend erfreut auf mich einließen.

Ich glaube, dass solche Begegnungen verändern. Mein Gegenüber und auch mich. Die Transformmation kann nur in Begegnungen stattfinden, auch die integrale Transformation zu einer ganzheitlichen und lebensdienlichen Gesellschaft.

Marc Schmuziger (IP Vorstand)