Die Vollgeld-Initiative, wie geht das?

von Fredy Kradolfer

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“Die «Vollgeld-Initiative» ist untypisch. Sie ist kompliziert, sie entspringt nicht parteipolitischen oder wirtschaftlichen Interessen, und sie fischt nicht in einem Teich von Volksempörung”. So schrieb die NZZ nach der Pressekonferenz des Vereins “Monetäre Modernisierung” zum Beginn der Unterschriftensammlung für sein Volksbegehren. Und sehr richtig sah das führende Intelligenz-Blatt unseres Landes auch die Hauptschwierigkeit voraus, die sich vor den InitiantInnen auftürmt:

“Der Vereinsname deutet bereits auf ein politisches Grundproblem der Initianten hin: den grossen Erklärungsbedarf”, schrieb Witschaftsredaktor Hansueli Schöchli.
Wir alle haben es in der Schule gelernt: Geld wird von der Nationalbank hergestellt. Diese sichert dieses Geld durch entsprechende Reserven (Gold) ab. Was wir nicht gelernt haben und was den meisten von uns nicht bewusst ist: Dieses sogenannte “Vollgeld” macht gerade noch etwa 12 Prozent der gesamten Geldmenge aus (immer gemäss NZZ). Der ganze Rest ist sogenanntes “Buchgeld”, das nicht von der Nationalbank, sondern von den Geschäftsbanken geschaffen wurde. Doch was heisst das?
Machen wir uns ein Bild: Wenn ich ein Guthaben oder einen Kredit bei einer Bank von angenommen 10`000 Franken habe, dann ist es ja nicht so, dass die Bank nun ein Schächteli mit meinem Namen beschriftet und 10 Tausendernoten hineinlegt. Das Geld wird mir lediglich im “Buch” gutgeschrieben als “Versprechen der Bank” mir dafür allenfalls Geld in Form von Banknoten auszuhändigen. Wenn ich nun eine Bankzahlung zum Beispiel an “Fritz” mache, dann wird kein reales Geld von meinem “Schächteli” in jenes von Fritz umgeschichtet, sondern ich trete lediglich einen Teil des Versprechens meiner Bank (will heissen meines Guthabens) an Fritz ab.
Diese “Umbuchungen” (will heissen Übertrag von Guthaben von einem Konto auf das andere) sind völlig unabhängig von real existierendem “Vollgeld”. Je mehr die Banken also Kredite erteilen oder (Buch-)Guthaben von Kunden verwalten, desto grösser wird die gesamte „Geldmenge“, die im Umlauf ist – unabhängig davon, wieviel reales „Vollgeld“ existiert. Diese (nach geltendem Recht völlig legale) Tatsache birgt Risiken. Diese Risiken („Kreditblase“) will die voraussichtlich Ende dieses oder im Laufe des nächsten Jahres zur Abstimmung kommende „Vollgeld-Initiative“ beseitigen. Nach dem Inhalt dieser Initiative soll allein die Nationalbank künftig Geld herstellen, auch das „elektronische Geld“. Das entspricht der ursprünglichen Intention der Bundesverfassung (ab 1891 Art. 36, heute Art. 99: „Das Geld- und Währungswesen ist Sache des Bundes“). Dann dürfen Banken kein eigenes Geld („Buchgeld“) mehr erzeugen, sondern nur noch Geld verleihen, das sie von Sparern, anderen Banken oder, soweit nötig, der Nationalbank zur Verfügung gestellt bekommen.
Bedeutende Wissenschaftler unterstützen den Gedanken der Vollgeld-Initiative. Peter Ulrich, Professor für Wirtschaftsethik, Universität St.Gallen, em.: “Dass Geschäftsbanken auf selbst geschöpftem Giralgeld durch Kreditvergabe an die öffentliche Hand (Staatsanleihen) Zinsen zu Lasten der Allgemeinheit verdienen, hat sich im Zeitalter eines entfesselten Finanzkapitalismus als höchst ungerechter Systemfehler erwiesen. Das Vollgeldkonzept geht dieses Problem an der Wurzel an, indem öffentliche Geldversorgung (durch die Nationalbank) und private Kreditvergabe (durch private Geschäftsbanken) sauber getrennt werden. Die Guthaben der Bürger und der Unternehmen fallen dann zudem nicht mehr in die Konkursmasse einer zusammenbrechenden Bank. So braucht diese nach Fehlspekulationen nicht mehr mit öffentlichen Mitteln gerettet zu werden und die bisherige Geiselhaft der Steuerzahler entfällt.” Das Problem der Initiative ist, dass sie sehr schwer verständlich und relativ unpopulär ist. Dazu noch einmal Hansueli Schöchli, Wirtschaftsredaktor der NZZ: „Das Begehren dürfte für das breite Publikum auf den ersten Blick schwer verständlich sein. Es erscheint auch für klassische Empörungsbewirtschaftung (im Gegensatz zu Vorlagen gegen Ausländer oder «Abzocker») wenig geeignet. Das Feindbild «Banken» ist zwar beliebt, dürfte aber im Kontext des Kreditgeschäfts politisch auch nur beschränkt ergiebig sein. Die Initiative passt auch nicht ins klassische Links-Rechts-Schema. So ist das Interesse der politischen Parteien überschaubar.“
Der politische Ausschuss der IP hat die Initiative zum Aufschalten und Unterschriftensammeln befürwortet und wird rechtzeitig zur Abstimmung eine differenzierte Empfehlung abgeben.

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→ spannende Vorträge dazu unter AGENDA (rechte Spalte).