Kultur der Dankbarkeit – von Cécile Cassini

bild_cassini

von Cécile Cassini –

In der Komplementärtherapie und Naturheilkunde ist die Salutogenese (die Konzentration auf das Gesunde) im Gegensatz zur Pathogenese (der Fkussierung auf das Kranke) ein wichtiger Ansatz. Dieses Vorgehen bewährt sich vor allem bei chronischen Erkrankungen und Altersbeschwerden. Es verlangt nämlich, dass wir unsere Energie auf das konzentrieren was funktioniert oder gar auf das was uns Freude macht, auf unsere Ressourcen. Antonowsky forschte bei Menschen die Konzentrationslager überlebt hatten, weshalb manche besser mit Schrecklichem und Belastenden umgehen konnten. Er konnte nachweisen, dass sie  ihre Resilienz, also ihre Widerstandskraft stärkten, indem sie sich auf das Gesunde und Freudvolle konzentrierten.

Marshall Rosenberg hat mit seiner „gewaltfreien Kommunikation“ vielfach Organisationen beraten und dort die Erfahrung gemacht, dass diese sich an Sitzungen oft in langfädigen Diskussionen verhängen. Er riet, jeweils zu Beginn die Erfolge und das Gutgehende zu wertschätzen. Dort wo das konsequent gemacht werden konnte, reduzierten sich die Sitzungszeiten wesentlich. In einer Atmosphäre, wo auch das Gute gesehen und anerkannt wurde, waren die Menschen konstruktiver und konnten auch notwendige Kritik besser annehmen.

Auch beim „Dragon Dreaming“, einem System zum Umsetzen von Projekten in nicht-hierarchischen Gruppen, gelten Aktivitäten wie Träumen und Feiern ebenso viel wie das Planen und Umsetzen. Gerade das Feiern und Bedanken geht vor lauter Verantwortung oft vergessen. Auf längere Sicht ist es aber dringend notwendig, auch um sich zu freuen und sich zu stärken.

Durch den Fokus auf Qualitätssicherung und im kritischen Denken geschult sind wir es gewohnt, Fehlendes sicher zu orten, Mängel zu monieren und nach Perfektion zu streben. Dies hat uns wichtige und wertvolle Ergebnisse gebracht, bringt uns aber beruflich und gesellschaftlich langsam an Grenzen. Dies zeigt sich an der Zunahme der psychischen Erkrankungen durch Stress oder Burnout. Deshalb plädiert die integrale Politik für eine Kultur der Dankbarkeit, die das Wertvolle, Sinnvolle und Gesunde auch in Gesellschaft und Politik beachtet und anerkennt. So wird es möglich dieses zu stärken, zu anerkennen, zu unterstützen und zu fördern, damit es mehr und mehr trägt.

Im persönlichen Bereich können wir die Kultur der Dankbarkeit üben wie das Zähneputzen: Wir können uns beispielsweise morgens, abends und zwischendurch an all das Schöne, Wahre und Gute dankbar erinnern. Durch dieses gezielte Fokussieren, begegnet es uns zunehmend. Wir können aber auch lernen freundlich dort klare Grenzen zu setzen, wo es notwendig ist. Ebenso können wir uns angewöhnen in Gruppen zuerst mit Interesse, Offenheit und Dankbarkeit das Geschaffene zu sehen. So gelingt es uns zunehmend, aus einer Kultur der Angst in eine Kultur der Liebe zu wachsen.

2 Kommentare zu “Kultur der Dankbarkeit – von Cécile Cassini

  1. Schöner und tiefsinniger Artikel! Kritisches Hinterfragen ist gewiss sehr wichtig – die Frage ist letztlich die Ausgewogenheit. Ausgewogenheit nämlich zwischen Kritik und lobender Anerkennung. Hirnphysiologisch wird kreative Aktivität nach positiver Anerkennung um etwa 50 Prozent gesteigert, während entlarvende Negativkritik die Synapsen weitgehend blockiert, was dann in der Regel zu “Sprachlosigkeit” führt.