Kreativer Umgang mit Polaritäten als Wachstums-Chance der IP

yin-yang-himmel

Von Werner Binder

1. Das Gesetz der Polarität

In spirituellen Kreisen beobachte ich manchmal die Tendenz, die Tatsache der Polarität rasch überwinden zu wollen, hinter sich zu lassen, mit dem Ziel sich der Einheitserfahrung hinzugeben. Zweiheit wird oft als etwas Störendes und Unreifes verstanden.

Doch wir Erdenbürger-innen sind auch deshalb in dieser Welt inkarniert um durch Zweiheit zu lernen und ihre inne-liegende Weisheit zu erkennen. Das öffnet uns auch für die Wirklichkeit der alles umfassenden Einheit und der Leere (Samadhi).

Durch und in Polarität lernen wir, dass jede Seite eine andere, gegenüberliegende, polare Seite hat und dass es nötig und gut ist, eine Beziehung zum Anderen, zum Gegenüberliegenden, zum anderen Pol, aufzubauen. Dadurch kann auch das Gegenteilige im anderen Menschen und in der eigenen Seele entdeckt werden. Als Beispiel: Wenn sich  der Mann in die weiblichen Qualitäten seiner Frau hinein versetzt, so erkennt er auch seine eigene weibliche Seite. Dadurch kann er sich mit Hilfe seines weiblichen Hintergrunds als Mann und in seiner Männlichkeit reiner und klarer wahrnehmen. Und so funktioniert das bei allem. Dadurch entwickeln wir unsere Beziehungsfähigkeit und Empathie. Zudem wird uns klar, dass die Zweiheit zwei Seiten einer übergreifenden Wirklichkeit darstellt. Ausspielen, so können wir erkennen, ist keine gute Option. Polarität als Schikane zu verstehen auch nicht.

Wenn die Zweiseitigkeit der Welt anerkannt ist, so kann sich zwischen den Polen ein Zwischenfeld, ein Drittes, aufbauen, das durch Rhythmus charakterisiert  ist. Diese dritte Kraft, wie wir dieses „Dazwischen“ auch nennen können, entwickelt sich zu einem lebendigen Wesen voller Energie. Wir können auch von Beziehungsenergie- und oder Lebensenergie sprechen. Diese vibriert rhythmisch und ist überaus schön. Der Tanz des Lebens.

Polarität in Ergänzung und Beziehung erzeugt Dynamik, Wachstum und Kreativität. Aus ihr entsteht das Kind, das Neue, Unvergleichliche.

Polarität in Feindseligkeit erzeugt in letzter Konsequenz Krieg.

Widersprüchliche Ansichten, akzeptiert als Chance, erzeugen  immer Wachstumsenergie und Kreativität, vor allem dann, wenn der Zwischenraum, die vibrierende und rhythmische Mitte, visualisiert wird als das Präsente, uns Verbindende. Das Dritte weist auf die Einheit hin.

Dies erfordert, dass wir uns und unsere Meinung nicht absolut setzen, sondern als einen bereichernden Beitrag zu einem uns übersteigenden Ganzen. Natürlich können wir unseren Standpunkt auch vehement vertreten bei gleichzeitigem Wissen um die Relativität, auch der unseren.

 

2. Wichtige Polaritäten in der IP

Die seit Monaten zentrale Polarität in der IP ist der (scheinbare) Gegensatz zwischen innerer Entwicklung und Handeln, zwischen Aktion und Kontemplation, zwischen Prozess und Struktur.

Die Sympathien tendieren eher auf der Seite der  inneren Prozesse, der  inneren Entwicklung. Verständlich: Die Ideologie der Machbarkeit pflügt wie eine Riesenmaschine um die Welt und verbreitet den Glauben an Kontrolle und die Überlegenheit des Verstandes. Die weltweiten Ideologien bestimmen das Handeln und halten an der materiellen Vorherrschaft fest. Erneuerung, die aus dem Herzen kommt, muss sich zuerst innen aufbauen, damit sie als echt belebende Kraft in die Welt strömen kann.
Aus diesem Grunde können sich Viele nicht vorstellen, dass Handeln aus dem Herzen, dem Mitgefühl und aus Intuition strömen und ebenso transformierend wirken kann, wie Einsichten und innere Entfaltung.

Als Psychotherapeut habe ich oft Menschen erlebt, die am inneren Weg festgehalten haben und eigentlich nie genug davon hatten, noch mehr an sich zu arbeiten, noch reiner, noch einsichtiger zu werden und es vermieden, tatkräftig nach aussen zu wirken. Dafür fühlten sie sich nicht gut und reif genug.

Wir wissen aber aus verschiedenen Untersuchungen und Befragungen, dass sozial und politisch engagierte Menschen sich deutlich glücklicher fühlen als solche, die sich fast ausschliesslich auf ihre private und inner-seelische Sphäre beziehen.

Jede Vision, jeder Impuls will sich erden und nicht schweben. Dafür braucht es Formen, Gefässe, Werkzeuge. Alles kommt zur Ruhe, wenn es sich einwurzelt. Der Geist sehnt sich nach empfangenden Gefässen, nach Verkörperung, nach hingebenden, erdverbundenen (mütterlichen) Menschen. Bei der Menschwerdung brauchen wir auch die Einwurzelung durch unsere Hände und Füsse. Sich konkret zu engagieren ist einfach menschlich.
Wichtig sind die Widerstände auf dem Weg der Verwirklichung. Sie helfen die Absicht und die Motive zu klären, die „Perlen (Begabungen) zu schleifen und zu polieren.“

Die Visionssuche und der manchmal beschwerliche Weg der Verwirklichung, das Heraufsteigende (die Frage) und das Herabkommende (die Antwort) ergänzen sich zu einer Art von Frucht, die weiche und harte Teile zugleich enthält.

Wie beim Atmen: das Einatmen geht nicht ohne das Ausatmen – und umgekehrt. Das Herz und die Lunge bilden die rhythmische Zone des Organismus. Aus ihr strömt Leben.

Es ist ein Zeichen eines gesunden Organismus, einer gesunden Gemeinschaft, Zusammenhalt zu schaffen (Agenz) und nach aussen zu wirken (Kommunikation).
Wenn alle oder die meisten Energien gebraucht werden für das eigene Wachstum und den Selbsterhalt und nichts mehr bleibt, das an das Umfeld weitergegeben werden kann, zerfällt die Gemeinschaft (das HOLON) genauso wie umgekehrt: wenn alles nach aussen geschleudert wird und nichts mehr da ist, was die Gemeinschaft festigt und aufbaut. Das Schema, eben von Cécile Cassini veröffentlicht, zeigt schön, dass wir in der IP jetzt eine gute Balance haben zwischen Innerlichkeit und Äusserlichkeit.

Auch auf spiritueller Ebene stelle ich fest, dass wir dazu neigen, dualistisch zu funktionieren. Zum Beispiel: Ist die höchste Bewusstseinsstufe nun jenseits des Personalen (Transpersonalität) oder ist der Bewusstseinsgipfel in der höchsten Persönlichkeit (Personalität) Gottes zu finden? Ist Gott ein Bewusstseins-Zustand oder ein Wesen? Darüber wird gestritten – und uns allen fällt es schwer, hier wiederum die Wahrheit zu erkennen, die sich in der Zweiheit und im Paradox ausdrückt.

Wenn eine Polarität in ihrer Tiefe ausreichend erkannt, durchfühlt und durchlitten worden ist, so verbinden sich die beiden Säulen, also die beiden Pole, mit einem Bogen.
Ein Tor ist entstanden, durch das wir hindurch gehen können um auf eine höhere Bewusstseins-Stufe zu gelangen.

Die Arbeit mit Polaritäten ist von grosser Wichtigkeit in einer integralen Gemeinschaft. Damit eine bestimmte Polarität zu einem „Tor“ wird, zu einem Entwicklungsschritt, müssen beide Pole fest verankert, das heisst  voll akzeptiert und verstanden  sein, damit sie tragfähig genug sind, um einen Brückenbogen zu tragen.
Natürlich gehört das Gesetz der Zweiheit der relativen Welt an und es hilft konstruktiv mit ihr umzugehen, wenn wir einen Zugang zum  Absoluten haben.  Dann können wir besser verstehen, was wir lernen können in der Arbeit mit Polaritäten.

4 Kommentare zu “Kreativer Umgang mit Polaritäten als Wachstums-Chance der IP

  1. Lieber Werner
    In deinem wunderbaren und tiefsinnigen Artikel kommt das Wort Rhythmus und rhythmisch auffallend oft vor. Als Grafologe habe ich zu diesem Begriff eine spezielle Beziehung. Denn es gibt rhythmische Schriften und andere, z.B. Takt-Schriften.

    Ludwig Klages führte die graphologischen Begriffe Rhythmus und Takt ein. Vorweg: Rhythmus und Takt im graphologischen Sinne, haben wenig mit Musik zu tun. Rhythmus ist die Wiederkehr des Ähnlichen in ähnlichen Zeitabständen. Klages macht Vergleiche mit Wasserwellen und anderen Naturerscheinungen. In der Handschrift, so Klages, ist das rhythmische Hin- und Her mit entsprechenden Elastizitätsschwingungen verbunden und verweist auf ein ausgeprägtes Lebenselement. Alle Schriftelemente, in denen eine echte Gegensätzlichkeit liegt, also Grösse und Kleinheit, Weite und Enge, Rechts- und Linksläufigkeit, Druck und Drucklosigkeit, Eile und Langsamkeit usw. begünstigen die Entstehung einer solchen rhythmisch-periodischen Polarität bei fliessenden Übergängen.

    Den rhythmischen Erscheinungen stellt Klages den taktischen Verlauf mechanisch-technischer Vorgänge gegenüber, deren Glieder nicht ähnlich, sondern gleich sind und nicht fliessend ineinander übergehen. Takt ist für Klages metronomisch, mechanisch, seelenlos, tot. Der Rhythmus des Lebens besitzt innere Regenerationskräfte, welche in ähnlichen Zeitabschnitten Ähnliches hervorrufen – der mechanische Takt bringt in gleichen Zeitabschnitten Gleiches, Reproduzierbares hervor.

    Takt-Strukturen zeigen sich graphologisch an reproduzierbaren mechanisch geschriebenen Schriften, die „wie mit der Schablone“ geschrieben wurden und somit wenig oder kein inneres Leben aufzeigen.

    Lieber Werner, dies als Ergänzung zu deinem Artikel. Zusammenfassend bedeutet
    Rhythmus auch grafologisch: Leben, Kreativität, Veränderungsbereitschaft, Entwicklungsfähigkeit, Neugierde – alles Tugenden, die die Welt nachhaltig verändern können.

    PS ein ausführlicher, längerer Artikel zum Thema “Entwicklungsschritte grafologisch und transaktionsanaytisch sichtbar gemacht”, inclusive Schriftbeispiele, kann bei mir bezogen werden: info@juerg-schlaepfer.ch

  2. Ich glaube, dass die IP auf einem guten Weg ist. Viele von uns haben den Pol ihrer inneren Integralität gut und fest verankert und sind daran, den vollständig neuen und unbekannten äusseren Pol zu erkunden. Vielleicht braucht es ganz einfach noch mehr Mut zum Fehler. Es ist offensichtlich, dass eine integrale Lebensweise zur Zeit noch eher von älteren Menschen gelebt wird, die mit Neuem und Unbekannten bekanntlicherweise weniger Leicht umgeht.

  3. hierzu ein Zitat: “Wir brauchen wieder ein politisches System, das die stets schwierige und notwendige Balance von Übereinstimmung und Verschiedenheit herstellt, von Gruppe und Individuum, von diktierter Gleichheit und freier Wahl. Diese Gesellschaftsordnung müssen wir selbst aufbauen, indem wir die Initiative ergreifen.” Quelle: Buch von Paul Verhaeghe mit dem Titel “Und Ich? – Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft” (Seite 231) ISBN-13: 978-3888978692