«Emotionen sind angelernt und nicht naturgegeben»

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Bild: Ute Frevert, Professorin für Bildungsforschung am Max-Plank-Institut

von Cécile Cassini

Gefühle sind etwas Soziales, nichts Natürliches, sagte die Gefühlshistorikerin  und Professorin des Max-Plank-Instituts für Bildungsforschung Ute Frevert am Anlass „Food for Thoughts“  im Gottlieb Duttweiler Institut Rüschlikon am 18.06.2014 und belegt wissenschaftlich, weshalb es heute weniger Scham und mehr Mitgefühl gibt in der Gesellschaft. Neben angeregten Gesprächen und regem Interesse für „Integrale Politik“ davor und danach am Tisch, erfuhr ich im Referat Spannendes dazu.

Sie erläuterte zuerst, wie wir mit der verknappten Kommunikation der modernen Medien höchst emotional kommunizieren, z.B. mit Emoticons (Smileys). Es gibt enorme Fortschritte im „Affective Computing“ bis hin zu Robotern und Emotion heissen nicht nur Autos und Kosmetikas, sondern auch Salate und Katzenfutter. Emotionen haben sich seit dem Aufkommen der „emotionalen Intelligenz“ in den 90-ziger Jahren etabliert.

Emotionen bedeuten Motivation, aber auch “Stellschrauben”. Sie greifen, nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in der Erziehung und anderem. Bei der Grenzkontrolle wurde sogar ein System zur emotionalen Kontrolle ausgearbeitet, welches bei der Kontrolle als  „action coding system“ wirkt. Virtuell oder durch Blicke wird je nach mimischem Signal reagiert. Die auf sechs reduzierten Gefühle dafür sind: Freude, Angst, Trauer, Wut/Zorn, Ekel und  Überraschung. Es funktioniert so, dass sich jemand nähert und virtuell oder durch Blicke erfasst wird. Das Problem ist, dass dies eine massive  Einschränkung und Verkürzung bedeutet und dass dies die kulturelle Identität nicht berücksichtigt. Inder sind z.B. nicht für alle lesbar.  Frevert ärgert sich über die Reduktion auf diese Hauptgefühle. In Deutschland redet man seit Stuttgart von Wutbürgern, dabei sind deren Gefühle viel differenzierter. In Amerika erlebte sie, wie ihre Töchter immer am Schluss des Telefons „I love you“ zu ihren Freundinnen sagten und blieb konsterniert ob der Verflachung der Gefühle.  Sie empfindet dies als Zeichnen der Entleerung von Mythen. Sie sieht folgende Gefahren:

  • Strategische Manipulierung
  • Gefühle werden gelernt, sie sind nicht angeboren, sie reagieren auf Anreiz-Systeme, auch auf mediale Einflüsse.

Das Mantra der Frauen früher war die Scham, das Verneinen der Sexualität und dafür die Scham über den weiblichen Körper. Früher  gab es mehr öffentliche Scham. In den Schulen mussten die Kinder noch öffentlich in die Ecke stehen bei Fehlverhalten.

Das Mitgefühl taucht im 18. Jahrhundert erstmals  auf. Adam Smith, Rousseau etc. schreiben über Mitgefühl und natürliche Gefühle aller Menschen. Dies war eigentlich neu und hatte politischen Wert. Aus den Briefen sehen wir, dass die Männer höchst  emotional waren und dies umständlich beschrieben. Sie pflegten ihre Empfindlichkeit. Erst im 19. Jahrhundert kritisierte dies Kant  jedoch als „Empfindelei“. Nun wurden die Männer „männlicher“ d.h. sie reagierten tatkräftiger und rationaler und das Emotionale wurde nur den Frauen zugeordnet und diskriminiert.  Erst der Feminismus half hier weiter.

Neu greift das Mitgefühl Platz und zeigt sich in verschiedenen Bereichen wie z.B. in vielen Hilfsorganisation und auch beim Tierschutz, wofür so viel wie noch nie gespendet wird.  Das Mitgefühl hat auch eine starke Mobilisierungsfähigkeit. Frevert warnt aber, dass wir hier den Einfluss der Medien nicht unterschätzen sollten.  Hunderttausende liessen sich vom Unglück und der Armut  in Haiti berühren und spendeten enorm viel. Für das ebenso grosse Unglück in  Bangla Desh gab es einen Bruchteil davon, da  dort in den Berichten auf die islamischen  Frauen und die Atommacht hingewiesen wurde.

2 Kommentare zu “«Emotionen sind angelernt und nicht naturgegeben»

  1. Ein Baby, das schreit, hat Gefühle: Anst, Hunger, Durst oder sonstwas. Niemand kann doch ernsthaft behaupten, dass man ihm die Gefühle sozial angelernt hat! Seltsam finde ich da, was diese Professorin von sich gibt…

  2. Ich unterscheide Gefühle von Emotionen, letzteres hat je etwas mit Bewegung / Reaktion zu tun. Aber Gefühle mit Emotionen in den gleichen Topf zu rühren und zu behaupten, dass Gefühle nichts natürliches seien, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich spüre in mir immer wieder Liebe, Trauer, Freude und manchmal auch Wut und Neid – ich nehme es als Energie war in meinem (feinstofflichen) Körper. Gefühle sind Teil unseres Menschseins – wir müssen einfach lernen mit ihnen weise umzugehen. Und an dieser Stelle teile ich die Bedenken, wie unsere Gesellschaft mit Gefühlen umgeht, wie Menschen emotionalisiert werden und Gefühle undifferenziert wahrgenommen werden.