“Edel sei der Mensch – Schweizer und gut!”

15095 Swiss flag wavers

von Fredy Kradolfer

Die Befindlichkeit vieler Schweizerinnen und Schweizer ist derzeit einer schweren Belastungsprobe unterworfen.

Eben hat die Crédit Suisse (ehemals Schweizerische Kreditanstalt), dieses Monument einer Schweizer Bank und damit des Schweizerischen generell, deren Gründer Alfred Escher vor dem Zürcher Hauptbahnhof ein Denkmal errichtet wurde, in den USA ein Schuldgeständnis unterschrieben, welches sie zu einer kriminellen Organisation stempelt.

Die Reaktionen auf dieses Ereignis, welches „das Schweizerische“ in seiner tiefsten Seele erschüttert, sind unterschiedlich. Zahlenmässig klar die Oberhand scheinen diejenigen zu haben, welche die Schuld an diesem Debakel ausschliesslich bei der personellen Spitze der Bank sehen. Allein deren „abzockerische Gier“, deren kriminelle Energie hätten der Bank die Schmach eingebracht, an den internationalen Pranger gestellt zu werden.

Dass diese Führungskräfte gegen kein schweizerisches Gesetz verstossen und mithin die juristische und moralische Rückendeckung der Schweiz haben für ein Tun, das anderswo als „kriminell“ eingestuft wird (und dies objektiv wohl auch ist),  wird übersehen.

„Die Schweiz“ ist (oder war?) seit langem ein Erfolgsmodell. Der rührige Kleinstaat im Zentrum Europas, mit keinerlei Bodenschätzen gesegnet und in weiten Teilen von der Natur recht garstig und lebensfeindlich gestaltet, hat es zu Unabhängigkeit, Reichtum und internationalem Ansehen gebracht. Ein „Volk von Hirten“ hat ihn zu einem führenden Industrie-, Technologie- und Finanzplatz gemacht und es nicht zuletzt dadurch auf clevere Art und Weise geschafft, sich aus zwei Weltkriegen herauszuhalten und damit schmerzhafte Zäsuren in seiner Erfolgsgeschichte recht weitgehend zu vermeiden. „Gut ist, was dem Land dient“ war dabei die Devise – auch wenn dies nicht selten zu Allianzen und zu Handlungssträngen führte, die heute in der Vergangenheitsbewältigung mehr als nur ein leichtes Bauchgrimmen verursachen. Dass diese Devise auch heute noch mehrheitsfähig ist, zeigte sich kürzlich im eidgenössischen Parlament. Dieses will das Ausfuhrverbot von Waffen in Länder, welche die Menschenrechte missachten, lockern. „Es sind ja nicht Waffen, die töten – es sind die Menschen, welche diese Waffen einsetzen und bedienen“ wird als Rechtfertigung dieses Entscheides angeführt. Als ob derjenige, der dem Tötungswilligen eilfertig das Schwert in die Hand reicht, frei von jeder Mitverantwortung wäre für das, was jener, der es ergreift, damit anstellt.

„Erfolg heiligt die Mittel“. Diese urschweizerische These ist im Verlauf der Geschichte immer wieder untermauert worden. Noch heute ist Wilhelm Tell  auf der Rückseite der 5-Franken-Münze, einem Geldstück, das jede Schweizerin, jeder Schweizer im Schnitt täglich mehr als einmal in der Hand hält, abgebildet. Der Mythos Tell ist zwar bis heute umstritten und niemand kann schlüssig beweisen, dass es diesen Mann tatsächlich gegeben hat. Aber seine Tat, die Erschiessung des Tyrannen Gessler, wird bis heute als einer der Ausgangspunkte der „Erfolgsgeschichte Schweiz“ verklärt, auch wenn es moralisch gesehen nichts weiter war als ein feiger Meuchelmord aus dem Hinterhalt. Seis drum – der Erfolg hat Wilhelm Tell Recht gegeben und seine Tat geadelt.

Heute nun die Banken. Der Umgang mit Nazigeldern und nachrichtenlosen Vermögen? Beihilfe zur Steuerhinterziehung? Weiss waschen von unrechtmässig erworbenen Geldern? Uninteressant! Der Finanzplatz ist eine der tragenden Säulen des Erfolgsmodelles Schweiz. Das adelt ihn. Und wenn herauskommt, dass vieles, was zum Erfolg der Banken in der Vergangenheit beigetragen hat, ethisch bedenklich war? Dann sind es „die Banker“ gewesen – nicht ein zu rigoroses Bankgeheimnis, nicht die durch zweifelhaftes Mittätertum erreichte Verschonung vor kriegerischen Handlungen, nicht die von der schweizerischen Demokratie abgesegneten Gesetze, die unethiisches oder gar kriminelles Handeln überhaupt erst ermöglichten und ihm den Status der Legitimität verliehen.

Die Verurteilung der Crédit Suisse als kriminelle Organisation hat diese Zusammenhänge schonungslos auf den Tisch gelegt. Niemand wird in Zukunft mehr diejenigen, die die Erfolgsgeschichte der Schweizer Banken und das damit eng verflochtene „Erfolgsmodell Schweiz“ kritisch hinterfragen, als „naive Gutmenschen“ und für das weitere Gedeihen des Landes irrelevant abstempeln können.

„Edel sei der Mensch – Schweizer und gut!“ Dieses zur Maxime erhobene Selbstbild der Schweizerin, des Schweizers trägt spätestens dann nicht mehr, wenn man sich erlaubt, den „Sonderfall Schweiz“ nicht mehr als ein gottgegebenes Modell für die Ewigkeit zu betrachten; zugesteht, dass auch der Sonderfall nie so beständig sein kann wie der Wandel und einsieht, dass der Erfolg dieses Sonderfalles nicht alle Mittel heiligt, die ihn ermöglicht haben. Und die Welt hat längst begonnen, diesen Sonderfall zu hinterfragen. Ob die Motive dieser Hinterfragung rein ethischer Natur sind oder eher aus „unteren Schubladen“ – Neid, Missgunst etc. – stammen, ist unerheblich. Die Hinterfragung ist in vollem Gange.

„Integrale Politik ist Bewusstheitsförderung“ – dieser Satz dürfte innerhalb der IP unumstritten sein. Diese Bewusstseinsförderung wird nicht selten (auch) von aussen angeschoben. Wie eben im „Fall Crédit Suisse“ oder auch durch den unsäglichen Entscheid des Nationalrates bezüglich Waffenexporten. Sache der IP darf es nun aber nicht sein, nur mit dem Finger auf diese Missstände zu zeigen und damit den Beifall jener abzuholen, die eh schon gleicher (oder ähnlicher) Meinung sind. Sache der IP ist es aber meiner Meinung nach auch nicht, irgendwelche Verbesserungsvorschläge auf der operativen Ebene zu präsentieren. Sache der IP wäre es, aufzuzeigen, dass solche Dinge nichts weiter sind als die logische Folge mangelnder Bewusstheit mit Blick auf das Wohl aller Menschen, ja der ganzen Schöpfung. Es gibt viel zu tun! „Politik ist das langsame Bohren harter Bretter“, lässt Samuel Beckett den „Estragon“ in seinem Werk „Warten auf Godot“ feststellen. Dies gilt erst recht für integrale Politik!

3 Kommentare zu ““Edel sei der Mensch – Schweizer und gut!”

  1. “Integrale Politik ist Bewusstheitsförderung” – Ist diese auch schon in der Finanzwelt angekommen? In Ansätzen wahrscheinlich schon. Dazu zwei Äusserungen:

    • 1) Christian Kobler von Formafutura Invest AG schreibt in http://www.vrpraxis.ch, Ausgabe 4/2013, Seiten 18f : “Führungsverantwortliche aller Branchen haben es in der Hand, ob zukünftige Generationen in einer Welt leben, wo «Schlaumeier gegen Schlaumeier» agiert, oder auf einem Planeten, wo die dringlichen gesellschaftlichen, ökologischen und ökonomischen Aufgaben nachhaltig und mit Gemeinsinn bearbeitet werden.”
    • 2) Im Newsletter n°06 vom 01. Juli 2014 von http://lohas-magazin.de ist zu lesen: “Der amerikanische Milliardär Nick Hanauer ist u.a. Gründer von AMAZON und hat nun einen offenen Brief an seine Milliardärs-Freunde veröffentlicht. Er mahnt die superreichen Amerikaner, aufzuwachen und sich vor einer Revolution in Acht zu nehmen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die 99 Prozent einen Aufstand wagen. „Wenn wir nichts tun, um die eklatanten Ungerechtigkeiten in dieser Wirtschaft zu beheben, wird der Wind des Wandels kommen. Keine Gesellschaft kann diese Art von wachsender Ungleichheit aufrecht erhalten. Es gibt kein Beispiel in der Geschichte der Menschheit, wo Reichtum dieser Grössenordnung einseitig angesammelt wurde.”
  2. Der Beitrag von Fredy Kradolfer zeugt von tiefstem Einfühlungsvermögen und Weisheit. Da bleibt nur der Wunsch, dass so viele Menschen wie möglich diesen Artikel lesen und zu Herzen nehmen. Und grosse Dankbarkeit dem Autor gegenüber.

  3. Du hast so Recht und schreibst das einfach toll. Die nationale Mystifizierung mit Alphörnern, Schwinger-Idolen und Trachtenkleidern scheint mir schändlich um dahinter die beschriebenen Missbräuche zu verdecken. Und ob das Nationale noch zeitgemäss ist frage ich mich sowieso als Schweizerin mit Grosseltern aus Frankreich und dem Schwarzwald, einem ehemaligen italienischen Ehemann, sowie einem russischen Co-Grossvater. Hingegen überlege ich je länger desto mehr, ob wir nicht gewisse Eigenschaften wie Sorgfalt, Seriosität, Pünktlichkeit und Disziplin, wie sie doch viele, wenn nicht die meisten Menschen, die in dieser Region wohnen pflegen als kulturelle Eigenschaft bei uns selbst wertschätzen können, um dann diese zu vertiefen und vielleicht fähig zu werden, andere Eigenschaften wie den Schönheitssinn der Menschen die in Italien wohnen oder die Klarheit der Menschen die in Deutschland wohnen vermehrt zu würdigen und so noch mehr voneinander zu lernen – gewaltfreie Kommunikation nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Kulturen zu vertiefen ist mein dringendes integrales Anliegen. Credit-Suisse gibt uns dazu gesellschaftlich einen Kick, kulturell sind wir alle gefordert.