DIE IP IST – noch immer… – WAS SIE IST

Regenbogen 2014-06-29
Eine Reflexion zum  Treffen des Feldes für Transformation am 23./24. August 2014

von Pierre Günzburger

Vorbemerkung: Auch dieser Text stellt meine eigene Sicht dar und muss nicht der Sichtweise des gesamten Feld-Teams oder einzelner seiner Mitglieder entsprechen, auch wenn das in einigen Aspekten der Fall sein kann. Ich zitiere deshalb mit einer Ausnahme nur aus meinen eigenen Reflexionen zu früheren Treffen, die als Dokumente im Anschluss an die jeweiligen Treffen entstanden sind, jedoch mit einer Ausnahme nur den an den Treffen direkt oder indirekt Beteiligten zugänglich waren. Dieser Blog soll auch die im Bericht zum Feld für Transformation vom 23./24. August 2014 von Urban Waltenspül dargestellte Sichtweise ergänzen.

Somewhere over the rainbow, way up high

There’s a land that I heard of once in a lullaby

Somewhere over the rainbow, skies are blue

And the dreams that you dare to dream really do come true

Over the Rainbow, Filmmusik aus „Der Zauberer von Oz“

Das Bild eines Regenbogens war „zufällig“ auf den Flyer des vierten Treffens des Feldes für Transformation geraten … und es rief in mir den Song in Erinnerung, der im Laufe des letzten Treffens der damaligen Kerngruppe am 11. November 2012 plötzlich im Raum stand. Und das, was am Treffen des Feldes am 23./24. August entstanden ist, bringt mich jetzt dazu, auf die Entwicklung in den 2 Jahren zurückzublicken, die seit September 2012 vergangen sind, als die Kerngruppe an ihrem Treffen auf der Schweibenalp ihren weiteren Weg in die Zukunft suchte, ohne dafür eine Antwort zu finden. Seither war ich als Teil des jeweiligen Teams in der Vorbereitung und Durchführung aller Treffen, das der Kerngruppe am 11.11.12 und anschliessend des Feldes engagiert.

Im Titel des Treffens vom August 2014, “DIE IP IST WAS SIE IST“, ist auch eine Standortbestimmung enthalten: Wo steht die IP jetzt bezüglich den Begriffen Partei, Bewegung, Politik und Spiritualität. Und diese Frage möchte ich hier erweitern: Wo befinden wir uns auf dem Weg zu diesem Ort jenseits des Regenbogens, wo die Träume, die wir zu träumen wagen, wahr werden?

Schauen wir uns also die Entwicklung der letzten 2 Jahre anhand der Dokumente an.

Im Dokument „Kerngruppe, wie weiter? Betrachtungen zum Treffen vom 15. – 16.9.2012 auf der Schweibenalp“ vom 1.10.2012 schrieb ich:

Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.

Laotse

 

Ich habe das obige Zitat angeführt, weil ich mir etwas mehr „Schmetterlingsbewusstsein“ wünsche. Der Schmetterling entsteht durch eine Metamorphose aus der Raupe. Das ist ein organischer, natürlicher Wachstumsprozess, in den sich die Raupe vertrauensvoll einlassen muss, um zum Schmetterling zu werden. Aus dem “Raupenbewusstsein“ ist die Schönheit des Schmetterlings nicht einmal zu erahnen. Die Raupe ist an ihre kriechende Lebensweise auf die Erde gebunden, sie hat keine Ahnung von der Freiheit des Fliegens, von der Wärme der Sonnenstrahlen und den Farben der Blüten, die sie als Schmetterling erfahren wird. Doch wenn die Raupe sich verpuppt, sich in ein schützendes Gehäuse zurückzieht, solange bis sie als Schmetterling wird fliegen können, dann kann das Wunder der Transformation geschehen.

Die zentrale Frage, die ich mir stelle, lautet: Wie kann die IP das Transformierende in die Welt bringen, wenn sie sich nicht einmal selber transformieren kann?

Wenn ich jetzt auf das Treffen des Feldes am 23./24. August zurückblicke, so kann ich von diesem von mir so sehr erwünschten „Schmetterlingsbewusstsein“ noch viel zu wenig erkennen. Es war für mich am Schluss ernüchternd festzustellen, wie schnell wir in die alten Muster der Diskussion zurückfielen, in der „Partei“ und „Bewegung“ als Gegensätze aufeinanderprallten. „Sowohl-als-auch“ wurde zwar noch genannt, doch Optionen wie „weder-noch“ oder „etwas ganz anderes und falls ja, was?“ hatten keine Chance, auch nur in Betracht gezogen zu werden. Und genau da setzt die oben erwähnte zentrale Frage für die IP an. Denn die Transformation, die es braucht, ist aus meiner Sicht zuerst eine Transformation der Kultur – von der Kultur der Angst hin zur Kultur der Liebe. Solange noch die Angst vor einem „Identitätsverlust“ für die IP vorherrscht, kann es keine echten transformativen Entwicklungen geben.

Dasselbe Thema trafen wir schon früher an. In „Willkommen im Feld für Transformation, Betrachtungen zum Treffen vom 11.11.2012 in Bern“ vom 20.11.2012 formulierte ich es so:

Da ist ein Fluss und der fliesst jetzt sehr schnell. Er ist so mächtig und reissend, dass einige Angst haben werden. Sie werden versuchen, sich am Ufer festzuhalten und werden fühlen, dass sie zerrissen werden. […] Die Ältesten sagen, wir müssen vom Ufer loslassen und in die Mitte des Flusses stossen, unsere Augen offen halten und unsere Köpfe über dem Wasser.
Aus der Botschaft der Hopi Ältesten

Sich selber in Frage stellen

Die IP muss sich selbst und insbesondere ihre Strukturen ständig in Frage stellen, ohne dabei ihre Werte aus den Augen zu verlieren. Das ist unbequem, doch anders kann Transformation in der Gesellschaft nicht geschehen.

 […] Wir wissen alle in unserem Innersten, dass die Gesellschaft grundlegend transformiert werden muss, wenn kommende Generationen eine lebenswerte Zukunft haben sollen. Wir wissen jedoch nicht, was das in all den vielen Aspekten konkret bedeutet. Wir können einzig aus der Vision heraus konkrete Schritte in die gewünschte Richtung anstreben und umsetzen.

Es war damals deutlich erkennbar, dass die Auflösung der Kerngruppe und das sich noch nicht so klar abzeichnende Feld für Transformation gewisse Ängste auslösten, wohin denn die Reise der IP gehen könnte, obwohl das, was im Grundlagenpapier der IP enthalten ist, in keinem Moment in Frage gestellt wurde. Doch die IP 2.0, die dann ins Gespräch kam, sollte eine neue Version der IP sein, die die Entwicklung seit dem Abschluss des Grundlagenpapiers einschliesst und darüber hinausführt, eine neue Kultur entwickelt.

Im Bericht IP 2.0 – der Transformation Gestalt geben; Zum Treffen im Feld für Transformation vom 9./10. Februar 2013 im Landguet Ried, Niederwangen“, von Annette Ruef und mir verfasst, beschrieben wir diese neu heranwachsende Kultur als eine ganz wesentliche Eigenschaft des Feldes. Als Fazit schrieben wir dort:

Was entstanden ist

Was ist nun also das «Ergebnis» dieser zwei Tage? Ein äusserliches Merkmal für die Transformation zu einem sich selbst organisierenden Prozess zeigt sich darin, dass wir weder Resultate-Flipcharts vollzumalen noch Protokolle zu schreiben brauchten. Das Wesentliche, was sich ereignen konnte, geschah in den Momenten, wo die Herzen der Mitwirkenden in der Tiefe berührt wurden. Wir haben die befreiende Erfahrung gemacht (so banal dies klingen mag), dass jede Person von innen heraus weiss, wofür ihr Feuer brennt und was aus diesem Impuls heraus als nächstes zu tun ist. Ohne den Druck, etwas erreichen zu wollen oder mich in ein gemeinsames Vorhaben einfügen zu müssen, spüre ich Freiraum, meine Kreativität zu entfalten und freudvoll Ver-Antwortung zu gestalten, was heisst: das tun, was jetzt in meinem Leben ansteht und das mein Beitrag ist, um der weiteren Entwicklung der IP zu dienen.

Diese Qualität war auch jetzt am Treffen des Feldes wieder deutlich spürbar. Wenn Urban in seinem Bericht schreibt: „Ich spüre, dass für mich jetzt im Feld für Transformation jene Qualität und Kraft entsteht, wie seinerzeit in der Kerngruppe. Die KRAFT beginnt sich langsam zu manifestieren“, so dürfen wir das sogar als ein grosses Kompliment an alle Mitwirkenden ansehen und ich meine auch als etwas, das unbedingt gewürdigt werden soll. Was sich an diesem Wochenende an Kreativität gezeigt hat, übersteigt jedes Vorstellungsvermögen und ist für diejenigen, die nicht selber an diesem Prozess beteiligt waren, kaum nachvollziehbar.

Und dennoch, das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass die „wohlige“ Qualität dazu verleiten kann, sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben, sich in der Komfortzone des Bekannten bequem einzurichten. Doch dann kann es keine Transformation mehr geben – das Feld für Transformation dient dann nicht mehr der Förderung und Begleitung der Entwicklung der Mitwirkenden, der IP und der Gesellschaft in Richtung der integralen Vision, was sein essentielles Ziel ist.

Auf dem Weg zu diesem Ziel sind wir erst ganz am Anfang. Und der Weg ist nicht geradlinig, das werden wir immer wieder feststellen. Dann müssen wir uns an das Ziel erinnern – unsere Vision einer zukünftigen Lebensweise – und die Richtung anpassen.

Dazu schrieb ich im Oktober 2013 in „Das Feld für Transformation und die Zukunft der IP; Reflexionen zum Treffen des Feldes für Transformation am 31.8. – 1.9.2013“:

Was jetzt ansteht

Der erste Schlüssel liegt bei den Menschen

[…] sehe ich den Weg in eine wachsende Wirksamkeit der IP in der Förderung und Stärkung von Fähigkeiten und Kapazitäten der Mitwirkenden, die sie dazu bringen werden, ins politische Handeln im weitesten Sinne, also in Aktion, welche in der Gesellschaft transformierend wirken, zu gehen. […] Zu diesen zu entwickelnden Fähigkeiten und Kapazitäten gehören:

•      Selbstermächtigung

•      Selbstvertrauen

•      Vertrauen in ein Geführt-Sein

•      Mut zum Risiko

•      Bereitschaft, an die eigenen Grenzen zu gehen und so einschränkende Glaubensmuster aufzulösen

•      Bereitschaft, in einer Gemeinschaft auf ein gemeinsames Ziel hin zu wirken

•      Bereitschaft, Konflikte auszuhalten und zu lösen

•      Resilience („Steh-auf-Männchen“)

 

Der zweite Schlüssel ist die Kultur in der IP

Die Menschen sind die Samen, die IP soll der Boden sein, auf dem das Neue kultiviert wird. Kultivieren heisst: wir, jede/r von uns, schaffen die Bedingungen, in der das Neue gedeihen kann und gleichzeitig lassen wir das Wachstum geschehen.

Die Kultur zeichnet sich zudem aus durch:

•      eine Orientierung an Werten

•      eine dienende Haltung (Orientierung an einem das eigene Dasein übersteigenden grösseren Ganzen)

Das alles steht immer noch an und will weiter entwickelt werden, braucht Nahrung und Pflege – und dazu vor allem Mut, sich ins Unbekannte vorzuwagen, die Komfortzone zu verlassen, altes, gewohntes abzulegen, wenn es nicht mehr dienlich ist. Ich wünsche mir, dass wir im Feld in Zukunft noch mehr den Fokus auf das legen, was möglich ist, nicht nur auf das, was ist. Ich wünsche mir, dass wir immer mehr lernen, das Undenkbare zu denken, das, was uns so unmöglich scheint wie die Quadratur des Kreises mit dem Zirkel. Das kann nur geschehen, wenn wir ins Vertrauen und in die Kultur der Liebe gehen. Denn:

Es ist unmöglich sagt, die Erfahrung. Es ist was es ist sagt, die Liebe. (Erich Fried)

Und ich schliesse mit einer Einladung an alle, ob sie im Feld dabei gewesen sind oder nicht, in Kommentaren ihre eigene Sicht darzulegen.

8 Kommentare zu “DIE IP IST – noch immer… – WAS SIE IST

  1. Chers Pierre, Urban, Garry, Freddy, Chère Régina,
    Que vos réflexions et vos commentaires me font plaisir! Ils ouvrent de plus en plus le Champs de la Transformation…
    Je suis convaincue que chaque pensée crée, et plus nous le savons et l’affirmons plus cette création se manifeste rapidement dans la matière.

    Nous avons tous entendus parler de l’effet “Papillon”que les scientifiques ont décrits et étudié lorsque les singes ont commencé à peler leur banane et ceci s’et répendu en de temps tout autour de la planète alors qu’avant ils la mangeai avec sa pelure.

    Plus il y aura de personnes qui affirment choisir et agir en politique dans l’Intelligence du Coeur et plus ce concepte se répendra dans la société dans laquelle ces personnes vivent. De quelle manière cela se manifestera? Personne ne peut le prédire:

    - Il se peut que ce soit un président de commune qui ne veut plus servir une communauté qui le prive du plaisir de faire son travail alors qu’il aimait s’investir dans cette activité.

    - Ce peut être un jeune qui ne supporte plus les compromissions dans lesquelles il voit son parti s’embourber pour pouvoir gagner aux prochaines élections et qui choisit de partir se battre avec les extrémistes parce que là au moins il est sûre que ses idéaux ne seront pas trahis.

    - Pourquoi ne serait-ce pas une nouvelle découverte scientifique ou la création d’un groupe de méditant, ou encore la transformation d’une personne qui choisit de vivre son rêve et qui change sa vie pour le réaliser?

    Le Champ de la Transformation est permanent et actif à chaque instant, il suffit de s’affirmer dans son choix de servir l’Amour dans le respect de chacun dans la conscience que nous sommes tous reliés les uns aux autres et que nos pensées, nos intentions créent à chaque instant ce qu’elles diffusent.

    Peut-être que la mission de PI est celle-là et que la concrétisation de son action passe par un temps de gestation et d’affirmation individuelle qui tout à coup fera émerger la Politique Intégrale au grand jour. Ce n’est pas très confortable pour l’égo mais quel émerveillement quand l’Homme se tiendra debout dans l’AMOUR et agira avec “l’Intelligence du Coeur”.

    Je vous embrasse et vous porte dans mon coeur en admiration de votre engagement.
    Rose-Mary

  2. Zuerst: Ich freue mich über die Beiträge – herzlichen Dank allen KommentatorInnen für euer Mitwirken. Denn wir kommen so in einen aus meiner Sicht essentiellen Diskurs zur Zukunft der IP. Deshalb ein paar ergänzende Überlegungen dazu:

    Die Frage, ob und welche Statuten eine IP der Zukunft braucht, ist für mich in dem Sinne sekundär, das nach dem Leitsatz „Form follows function“, zuerst Einigung darüber bestehen muss, was die IP sein soll. Und das haben wir momentan im Kernziel, das in den aktuellen Statuten steht, formuliert. Der Satz “Integrale Politik ist Bewusstheitsförderung”, kann als Kurzform des Kernziels betrachtet werden.

    Dein Anliegen, Fredy, die Politik oder die PolitikerInnen integral zu machen bzw. deine Frage und Antwort darauf: „Ist es überhaupt möglich, innerhalb der herrschenden politischen Strukturen integrale Politik zu machen? – Je länger ich mich mit der Frage befasse, je klarer komme ich in dieser Frage zu einem Nein.“ treffen genau diesen Punkt. Und weiter schreibst du: „Es kann nicht darum gehen, integrale Politik zu machen – es geht darum, die Politik integral zu machen“. Doch was heisst das? Genügen dafür bessere Entscheidungsprozesse? Oder entstehen bessere Entscheide, wie auch immer sie getroffen werden, vielmehr als Folge eines neuen Bewusstseins, das u.a. die Abkehr von der Wachstumsgesellschaft, die Einsicht in die Zusammenhänge der Grundlagen allen Lebens auf der Erde oder die Bereitschaft zu friedlichen Konfliktlösung umfasst? Ich glaube ja, denn das ist für mich gleichbedeutend wie “Integrale Politik ist Bewusstheitsförderung.”

    Sollten wir daraus zum Schluss kommen, dass die bisherige Vereinsstruktur im Hinblick auf das Kernziel ungeeignet ist, dann wäre der nächste Schritt die Suche nach der Lösung dafür. Ich bin mit euch, Gary und Fredy, einverstanden, dass eine derartige Statutenrevision eine grosse Herausforderung wäre, nicht nur für den Vorstand, der sie der Mitgliederversammlung vorlegen müsste, sondern für die IP als ganzes, also alle ihre Mitglieder. Und das hat nicht allein mit den Entscheidungsprozessen zu tun – dem Ersatz für die Diktatur der Mehrheit, wie du, Fredy, es nennst – für die eine neue Form gefunden werden müsste und über die entschieden werden müsste: das ist fast so etwas wie ein Huhn-Ei-Problem innerhalb der geltenden Regelungen. Ob da nicht der Abschied von der Vereinsstruktur der einfachere Weg wäre? Wir müssen uns allerdings im Klaren sein, dass damit nicht alle Fragen der Organisation aus der Welt geschaffen sind, sondern vielmehr erst anfangen – die nächste Herausforderung.

    Zum Thema Integrales Bewusstsein und den Gefahren, die mit der Handhabung der zugehörigen Sprache und Haltung gegenüber Menschen ausserhalb der integralen Szene einhergehen (von Regina und Fredy angesprochen), gibt es eine herausragende Betrachtung. Susanne Cook-Greuter sprach dazu an der IF-Tagung in Berlin am 15.6.2012 unter dem Titel: “Annahmen oder Überzeugungen? – Eine Perspektive auf die heilsbringerischen Aspekte der Integralen Bewegung” (Link dazu unten am Text angefügt.) Ich finde die Gedanken, die sie darin „als eine der Ältesten in dieser Bewegung“(Zitat) darlegt, höchst beachtlich. Nur zwei Kernsätze daraus:

    „Ich lade uns alle in dieser Bewegung ein, offen zu bleiben und unsere Motivationen, Bedürfnisse und Vorlieben zu hinterfragen, und dann aufzupassen, wenn wir uns zu einer Interpretation der Realität hingezogen fühlen, weil wir uns durch sie sicherer, ganz und wichtiger fühlen.“

    „Können wir uns erlauben zu prüfen, wie sehr wir wohl an dem integralen Ideal hängen, wegen seines Wohlfühl-, Ego-Boosting- Angebots der bewussten kollektiven Ermächtigung und seiner evangelikanischen Heilsversprechung einer neuen Ordnung, die uns von unserer menschlichen Torheit erlöst? Können wir den integralen Traum leidenschaftlich unterstützen und daran teilhaben und dabei die suchende Haltung bewahren?“

    Diese Einladung zur Offenheit und suchenden Haltung, die aus solchen Worten hervorgeht ist die Haltung des Nicht-Wissens, mit der wir im Feld schon gearbeitet haben und die noch vermehrt erfahren werden muss, wenn wir eine neue Kultur entwickeln wollen anstatt uns an überholten Strukturen festzuhalten und/oder diese durch integrale Theorien als neues Glaubenssystem zu ersetzen. Die von Regina angesprochenen Authentizität, welche aus meiner Sicht aus den im Blog genannten Schlüsseln der individuellen und kollektiven Entwicklung entsteht, ist ein Weg aus dieser Falle.

    Link zu “Annahmen oder Überzeugungen? – Eine Perspektive auf die heilsbringerischen Aspekte der Integralen Bewegung” von Susanne Cook-Greuter:
    http://www.google.ch/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=0CB8QFjAA&url=http%3A%2F%2Fintegralesleben.org%2Ffileadmin%2Fuser_upload%2FTAGUNGEN%2F2012_Berlin%2FBeitraege_2012%2FS.Cook-Greuter_IFBerlin2012.pdf&ei=rYYZVIKqM83kaIPYgLAO&usg=AFQjCNGWxU4dabD67aOVi6qkBwJCKEPxuw&bvm=bv.75558745,d.d2s

  3. Lieber Pierre, lieber Fredy, lieber Gary
    Die Berichte über eure Erfahrungen und Gedanken zur Arbeit im Feld für Transformation und in der IP und ihrer Identitätsfindung haben mich berührt, habt Dank dafür.
    Berührt, weil ich vor einem Monat meinen Austritt aus der IP in der IP Bern ankündigte aus Gründen, von denen in euren Texten zum Teil die Rede ist.
    Es dünkt mich, ich wurde in der IP x-mal gefragt, warum, wo, wie, was
    1. mich motiviert in der IP zu sein
    2. Integrale Politik sei
    3. Integrale Politik tut
    4. Integrale Politik ist –
    und es ist mir, als hätte ich eben so viele Antworten gegeben, nur hatte ich nicht das Gefühl, diese seien irgendwie angekommen und hilfreich gewesen. Als hätte ich etwas anderes jeweils sagen müssen.
    Bsp: In der Arbeitsgruppe Statuten für die IP Bern stand ich damals ein, für genau diese schlanke, von Fredy in seinem Bericht formulierte Version. Weil ! wir einerseits der bestehenden Rechtsordnung genügen müssen, und andererseits doch die Politik integral machen wollen, was in diesem Zusammenhang heisst, selber herausfinden welche Struktur uns dient. – Was nun Gary heute als konstruktiv kommentiert, wurde damals als absolut unverständliche Träumerei abgetan… Wir verbrauchten danach ein Jahr und einen Co-Präsidenten, um darauf zurück zu kommen und andere Formen zu finden.
    Im Feld für Transformation im Februar 14 so schreibt Pierre, seien die weisen brennenden Herzen der Mitwirkenden der berührende Beweis für unser integrales Unterwegssein im Feld. Wir wurden damals dazu befragt, was anziehende Politik sei und ich habe dazu gearbeitet und herausgeschaffen: Authentizität und Legitimierung. Beides kann Entwicklung in den Mitmenschen bewirken weil ! beides dem sich Entwickelnden Freiheit garantiert. Während dem authentischen Sein ist die Aufmerksamkeit auf sich selbst gerichtet und dabei gibt es kein Ziel damit ein Du zu erreichen, geschweige denn etwas Konkretes bewirken zu wollen in ihm. Während bei der Legitimierung die Aufmerksamkeit auf das Du gerichtet ist und dort konsolidiert was an Fähigkeiten schon ausgebildet ist. Dies bewirkt eine Festigung im betreffenden Mitmensch und ermöglicht ihm so, seinen Boden zu vergrössern um eventuell einen neuen Entwicklungsschritt darauf zu tun.
    Damit erschien mir, ich hätte integrale Politik, Politik der Anziehung und ihr Vorgehen klar und einfach erfasst.
    1. Wir kümmern uns um unsere Authentizität (auch wenn das ein Basismitwirkender in der IP Bern als “Modewort” kaum mehr hören kann).
    2. Wir schauen uns in unserer Welt um und verströmen Anerkennung für alle entwickelten gesunden Fähigkeiten, Stufen, …, …, was das Zeug hält.
    Fertig! Alles andere kommt bei (sensiblen) Menschen nicht gut an, weil niemand gestossen und gedrängt werden will und werden soll und werden kann in seiner Entwicklung und weil wir nicht wissen können was entsteht wenn sich die Menschen entwickeln, weil wir ja nicht die sind, die wissen was für die anderen gut ist und wir die Zukunft nicht kennen sondern eventuell ahnen.
    Damals schrieb ich davon in meinem Feedback-Schreiben an die Vorbereitungsgruppe des Feldes, ohne je ein inhaltliches Echo dazu zu vernehmen.
    Meine grösste IP-Verwirrung betrifft das Verhältnis von der IP-Schweiz (Vorstand), dem Feld und den Basis-Gruppen (IP-Bern). Die Gedanken und Zielwünsche, die Meinungen und das Vorgehen, die Kenntnisse und Interessen betreffend integrales Bewusstsein klaffen meines Erachtens enorm weit auseinander. So weit, dass es mich schier auseinander riss und meine Kraft nicht ausreichte, mit allen Aktiven in diesen genannten Gruppen im Kontakt zu sein und mich mit ihnen auszutauschen und zu beraten und in EINEN Strom zu kommen.
    Zum Mut, Erkenntnisse anzuwenden, also Schmetterling zu sein, kann ich hin weisen auf den Gesundheitsbericht von Ken Wilber. Wir haben die Wahl, die Perspektive einzunehmen die uns beflügelt und die Liebe verströmt oder aber am Alten festhalten mit dem nicht einsichtigen Kommentar, sonst würden wir nicht verstanden. Herzen verstehen anders, das kann der Kopf noch lernen. So kann es geschehen, dass ein Patient in der Intensivstation derart beflügelt ist, dass alle, inklusive Personal, in einer wundersamen Stimmung sind!
    Ich bitte Euch inständig, mir mein direktes spontanes Schreiben und meinen unbearbeiteten Kommentar nachzusehen. Ich spürte vorhin bei der Lektüre eurer Berichte doch tatsächlich einen, mittlerweile unerwarteten, Hauch von Gemeinsamkeit mit Menschen aus der IP. Und das hat mich ermutigt diese Antwort euch zu schicken.
    Gute Wünsche Euch allen
    Regina Bögli

    • Liebe Regina
      Ich kann das, was Du mit “schier auseinanderreissen” umschreibst, gut nachvollziehen. Es geht mir selbst ganz oft so. Das gute daran ist, dass diese Spannungen (mindestens bei mir) oft Lernschritte auslösen.
      “Die Meinungen und das Vorgehen, die Kenntnisse und Interessen betreffend integrales Bewusstsein klaffen meines Erachtens enorm weit auseinander”, schreibst Du weiter. Auch diese Feststellung deckt sich mit meiner Wahrnehmung. Sie ist aber gleichzeitig auch heikel: Sie impliziert, dass innerhalb der IP (noch) nicht alle Menschen auf der gleichen Bewusstheitsstufe sind. Und da kommen dann bei mir sofort Bedenken: Darf ich dafür halten, dass ich mich auf einer höheren Bewusstheitsstufe befinde als Andere, oder ist das anmassend? Bzw.: Bin ich wirklich auf einer höheren Bewusstheitsstufe, wenn ich offenbar nicht in der Lage bin, so zu agieren, dass mich alle verstehen?
      Sicher scheint mir eines: Solange wir innerhalb der IP kein einheitliches Bild davon haben, was integral ist und bedeutet und solange wir innerhalb der IP den integralen Weg nicht mit traumwandlerischer Sicherheit zu gehen im Stande sind, solange macht es keinen Sinn, damit gegen aussen zu treten. Da kommt nämlich dann die von Dir postulierte Authenzität in Spiel. Und die Tatsache, dass wir als IP von einem Umfeld, das mit integralem Denken und Handeln nicht vertraut ist, gar nicht verstanden werden.
      Das bestärkt mich in der Annahme, dass der Satz, den ich von Pierre Günzburger zum ersten Mal gehört habe, unumstössliche Gültigkeit hat: “Intgerale Politik ist Bewusstheitsförderung.”
      Damit schliesst sich der Kreis: Es kann nicht darum gehen, “integrale Politik” zu machen – wir müssen alles daran setzen, die Politik(erInnen) integral zu machen! Wie wir diese riesengrosse Aufgabe am effizientestan angehen, muss das Ziel unserer strategischen Überlegungen sein. Nach meiner Auffassung kann dies nur geschehen durch authentische Beispielgebung und durch Bewusstheitsförderung bei den AkteurInnen der Politik. Und ich glaube, dass es nicht gelingen kann, wenn wir versuchen, uns als Teil eines nicht integralen Systems zu etablieren – beispielsweise als Partei.

      • Heihei lieber Fredy
        danke sehr für Deine Mitteilung auf meine Worte. Bevor ich jetzt drei Wochen lang schweige, weil ich kurz vor der Abreise ins Ausland stehe, will ich gerne zwei Sachen sagen:
        1.In der IP Bern wurde immer bekräftigt, dass integrale Politik Bewusstheitsentwicklung bedeuten soll.
        2. Mit Interesse und Kenntnis betreffend integrales Bewusstsein meinte ich das einfach wörtlich. Über unsere unterschiedlichen integralen Fussabdrücke urteile ich nicht. Es wäre für mich einfach hilfreich gewesen, z.Bsp. über Stufen und deren Spezifität und Schatten zu reden im Bezug auf realpolitische Geschehnisse. Doch dazu bräuchte es eben ein gemeinsames Vokabular und auch ein Interesse daran.
        Soviel wollte ich als Klärung noch nachreichen.
        Viel Schönes Dir und den LeserInnen

  4. Den Vorschlag von Fredy, die IP-Statuten auf das Minimalmögliche zu reduzieren, finde ich im höchsten Mass konstruktiv. Es wäre die Herausforderung aufzuzeigen, wie eine integrale Organisation sich strukturiert und wie sie Entscheidungen fällt. Demokratische Mehrheitsbeschlüsse sind sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Im Vorstand der IP Schweiz haben wir ja mit dem vorläufigen Entscheid, die Führung der IP der IP als lebendigen Prozess zu übergeben, einen guten Anfang gemacht (Holakratie). Auch wenn die Transformation von einer orange-grünen Führung zu einer gelb-türkisenen nicht ganz einfach ist: Wie soll die IP die Politik integraler machen, wenn sie sich nicht selbst integralisiert?

  5. Lieber Pierre
    Als Teilnehmer am „Feld der Transformation“ nehme ich die Einladung im letzten Satz Deines ausgezeichneten Textes gerne an.
    Du schreibst: Es war für mich am Schluss ernüchternd festzustellen, wie schnell wir in die alten Muster der Diskussion zurückfielen, in der „Partei“ und „Bewegung“ als Gegensätze aufeinanderprallten. „Sowohl-als-auch“ wurde zwar noch genannt, doch Optionen wie „weder-noch“ oder „etwas ganz anderes und falls ja, was?“ hatten keine Chance, auch nur in Betracht gezogen zu werden. Und genau da setzt die oben erwähnte zentrale Frage für die IP an. Denn die Transformation, die es braucht, ist aus meiner Sicht zuerst eine Transformation der Kultur – von der Kultur der Angst hin zur Kultur der Liebe. Solange noch die Angst vor einem „Identitätsverlust“ für die IP vorherrscht, kann es keine echten transformativen Entwicklungen geben.
    Diese Einschätzung teile ich voll und ganz. Bei mir tauchte aber noch eine andere, ganz entscheidende Frage auf, die mich seither sehr stark bewegt: Ist es überhaupt möglich, innerhalb der herrschenden politischen Strukturen integrale Politik zu machen? – Je länger ich mich mit der Frage befasse, je klarer komme ich in dieser Frage zu einem Nein.
    Unsere politischen Strukturen gründen auf dem Mehrheitsprinzip oder, um es etwas härter auszudrücken, auf einer „Diktatur der Mehrheit“. Das mag das beste momentan praktizierte politische System sein – aber integral ist es nicht.
    Wo immer ich – auf Gemeinde-, Kantons- oder Bundesebene – zur Stimmabgabe aufgefordert werde, kann ich immer nur der einen Seite – entweder den Befürwortern oder den Gegnern einer Vorlage – zu 100 Prozent recht geben oder mich der Stimme enthalten. Und die Seite, welche eine Mehrheit erzielt (und seien es auch nur 50,1 Prozent) setzt sich vollständig durch, die 49,9 Prozent Unterliegenden bleiben vollkommen unberücksichtigt, auch wenn sie selten nur und ausschliesslich schlechtere Argumente auf ihrer Seite haben.
    Es geht also in der Politik nie darum, eine von allen Beteiligten akzeptierbare, beste Lösung zu finden – 50,1 Prozent Zustimmung genügen. PolitikerInnen und Parteien geht es denn auch kaum je um die Findung der „besten Lösung“. Sie formulieren ihren Standpunkt und loten dann aus, wie weit sie der Gegnerschaft entgegen kommen müssen, um mindestens 50,1 Prozent Zustimmung zu erreichen.
    Für mich war der zentrale Satz am Feldwochenende: „Es kann nicht darum gehen, integrale Politik zu machen – es geht darum, die Politik integral zu machen“.
    Das heisst im Klartext: Wir müssen in der politischen Entscheidung auf allen Ebenen eine Abkehr von der „Diktatur der Mehrheit“ erwirken und völlig neue (mir auch erst in der Form einer vagen Vision bekannte) Wege der Entscheidfindung implementieren. Also nichts weniger als eine „Transformation der Politik“ erreichen.
    Für mich ist daher die Erkenntnis aus dem Wochenende diese: Die Aufgabe der IP ist noch unendlich viel schwieriger, als ich es mir bisher vorgestellt habe. Jede Mitwirkung in den derzeit herrschenden Strukturen mit den derzeit üblichen Wegen der Entscheidfindung bedeutet eine Abkehr vom integralen Weg.
    Dies gilt natürlich erst recht für die IP selbst: Wir stehen vor der riesigen Herausforderung, Wege für die Entscheidfindung zu kreieren, die alle herrschenden Einschätzung einbeziehen (integrieren), statt „brutal“ nach dem Mehrheitsprinzip der einen oder anderen Seite recht zu geben. Damit kreieren wir ein Modell, wie integrale Politik funktioniert. Ich zitiere dazu Gandhi: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du in der Welt sehen willst“.
    „Die IP ist, was sie ist!“ – Damit hast Du recht, lieber Pierre. Sie ist es in jedem Moment. Und es liegt in unserer Hand, diesem „Sein“ Gestalt zu geben – in jedem Moment neu. Sie ist weder eine Partei noch eine Bewegung und ein Verein auch nur deshalb, weil dies wohl in der herrschenden juristischen Ausgangslage die einzige Möglichkeit ist, ihr eine Körperschaft zu verleihen.

    Mit Bezug auf die immer noch offene Statutenfrage müsste dies eigentlich heissen, dass wir uns in unseren Statuten auf das beschränken, was das Vereinsgesetz absolut zwingend vorschreibt.
    Die Statuten könnten dann in etwa so aussehen:
    Artikel 1: unter dem Namen „Integrale Politik Schweiz“ besteht ein Verein nach Art. 560 ff. ZGB.
    Artikel 2: Die Organe des Vereins sind die Mitgliederversammlung, der Vorstand und die Rechnungsrevisoren
    Artikel 3: Für die Verbindlichkeiten des Vereins haftet ausschliesslich das Vereinsvermögen.
    Artikel 4: Die Auflösung des Vereins kommt dann zu Stande, wenn sie von der Mitgliederversammlung beschlossen wird.

    Alles andere bleibt offen, damit die IP in jedem Moment die Möglichkeit hat, zu sein, was sie ist.

    Wenn es uns gelungen ist, in der IP eine integrale Entscheidungskultur auf allen Ebenen und in jeder Frage zu entwickeln, können wir beginnen, dieses Modell als „Integrale Politik“ in die Welt zu tragen. Dass wir diese Kultur noch nicht entdeckt haben, ist für mich der Grund, weshalb wir – wie Du, lieber Pierre, zu Recht festgestellt hast – „in die alten Muster der Diskussion zurückfielen“.
    Und ich habe es dannzumal ganz körperlich gespürt, wie die ganze wunderschöne Energie, die Kreativität der Gruppe und irgendwie alles, was wir an dem Wochenende an Erkenntnis, an gegenseitigem Verstehen und an Konsens erreicht hatten, in dem Moment in sich zusammenfiel, als wir uns mit der „Schlussabstimmung“ wieder auf die nicht-integrale Ebene der „Mehrheitsfeststellung“ begaben – auch wenn diese nur als „konsultativ“ deklariert war.

    • garyzemp schrieb am Samstag, der 13. September 2014 um 17:28 Uhr:
      Den Vorschlag von Fredy, die IP-Statuten auf das Minimalmögliche zu reduzieren, finde ich im höchsten Mass konstruktiv. Es wäre die Herausforderung aufzuzeigen, wie eine integrale Organisation sich strukturiert und wie sie Entscheidungen fällt. Demokratische Mehrheitsbeschlüsse sind sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Im Vorstand der IP Schweiz haben wir ja mit dem vorläufigen Entscheid, die Führung der IP der IP als lebendigen Prozess zu übergeben, einen guten Anfang gemacht (Holakratie). Auch wenn die Transformation von einer orange-grünen Führung zu einer gelb-türkisenen nicht ganz einfach ist: Wie soll die IP die Politik integraler machen, wenn sie sich nicht selbst integralisiert?