Das Wunder eines Wir

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Von Ken Wilber, entnommen aus «Integrale Perspektiven», Ausgabe vom 28. Juni 2014

Das ist das Wunder eines „Wir“, die Begegnung im Herzen des Kosmos, wo alle bewussten Wesen sich von innen her kennen und miteinander in lebendiger Resonanz schwingen. Vertieft man sich in die eigene Unendlichkeit, werden die kleineren Ichs und die Ansprüche aufgehoben, in einer Öffnung zum eigenen wahren Selbst, zum ursprünglichen Antlitz, welches nichts anderes ist als die radikal Erste Person des gesamten Kosmos, die Erste Person, welche aus allen ersten Personen schaut, hoch oder niedrig, heilig oder profan – die Erste Person, welche eben jetzt diesen Satzliest – und wenn ich wahrhaft zur Ersten Person erwacht bin und sie realisiert habe, habe ich das Selbst von allem gefunden.

Wenn man sich in die unendliche Tiefe des eigenen ursprünglichen Bewusstseins entspannt, dann umfasst der Kreis der Fürsorge immer mehr „Wirs“, immer mehr zweite Personen, in welchen man den GEIST leuchten sieht, und in welchen man das Leuchten der ersten Person erkennt, einen Gott rufen hört und die Gnade einer Göttin fühlt.

Jedes „Ich“, welches nach einem „Du“ Ausschau hält, ist Shiva, welcher Shakti bewundert, ein Gott, der zur Göttin aufblickt, ein Unbewegter Beweger, und dennoch hoffnungslos verliebt in die Weltenmutter: durchscheinendes leeres Bewusstsein, mit einem Ehrfurcht gebietenden Gleichmut. Als reiner Zeuge bewegt sich Shiva nicht, kann sich nicht bewegen, weil Shakti ihm den Atem genommen hat. Und so ist wiederum umgekehrt jedes „Du“, welches gesehen wird, Shakti, strahlendes Licht aussendend in das ganze Universum, ein Geschenk und Ausdruck ihrer grenzenlosen Bewunderung für Shiva, welcher ihr ein und alles ist.

Die rückhaltlose Unendlichkeit ihrer verzückten Umarmung schließt alle dritten Personen im Kreis leidenschaftlicher Fürsorge ein, die schockierende Erfahrung des radikalen Einen Geschmacks, wo jedes Ich im gesamten Kosmos zu einem leuchtenden Gott und jedes Wir zu Gottes aufrichtigster Verehrung in liebender Solidarität wird, und jedes Es, als heiligster Tempel Gottes, gewoben immer und ausschließlich aus den kostbarsten Geweben eines GEISTES, die Innerlichkeiten seiner eigenen Manifestation offen legt, ein GEIST, welcher kein anderer ist als der, der diesen Satz in diesem Augenblick liest, und eine Offenlegung, welche keine andere ist als ein Bekenntnis, wer und was du immer schon bist.

Erinnerst du dich?

Ken Wilber

6 Kommentare zu “Das Wunder eines Wir

  1. Liebe Gurus in der IP,
    Ich war letzthin an der Gründungsversammlung der Zürcher IP, und ich werde aus den bisherigen Beiträgen von Ken Wilber und Fredy Kradolfer nur bestärkt in meiner Meinung, dass die IP auf dem besten Weg ist, politisch irrelevant zu bleiben.
    Oder gibt es jetzt ein realpolitisch ernst zu nehmendes Parteiprogramm?
    Ich lasse mich gern belehren, denn die Grundideen der IP sind für unsere Gesellschaft je länger je wichtiger.
    Aber eben, Esoterik ist ein Aberglaube und ich wünsche mir, das die IP nicht noch weiter dorthin abgleitet.
    Verbundene Grüsse,
    Christoph Reinhardt

    • Lieber Herr Reinhard
      Erst hat es mir kurz die Sprache verschlagen, als ich meinen Namen in einem Atemzug mit demjenigen von Ken Wilber genannt sah. Wieder erholt, fragte ich mich, was denn an meinen Beiträgen und an jenem von Wilber in diesem Forum “esoterisch” sein soll. Ich habe nichts gefunden, aber das ist ja egal … Vielleicht haben wir einfach eine unterschiedliche Definition von Esoterik.
      Ob die IP politisch irrelevant bleibt, wird die Zukunft zeigen. Sicher aber ist, dass die Ideen der IP eben gerade nicht mit “Realpolitik” zu erreichen sind. Integrale Politik ist Bewusstheitsförderung. Nur wenn es gelingt, die Ursachen und die Zusammenhänge aufzuzeigen, welche die menschliche Gesellschaft dahin gebracht haben wo sie heute steht, haben integrale Ideen überhaupt eine Chance.
      Um realpolitisch mit zu diskutieren, ob z.B. eine zweite Tunnelröhre durch den Gotthard nötig ist, braucht es keine IP. Deren Aufgabe ist es in diesem Fall, das Bewusstsein um die vielfältigen durch Mobilität und Ressourcenverbrauch verursachten Probleme zu fördern. Wenn dieses Bewusstsein bei einer Mehrheit der Bevölkerung gefestigt ist, kommt es in der “Realpolitik” automatisch richtig heraus.
      Die IP darf ihr Tun nicht nach einem “realpolitischen Programm” ausrichten. Ihre Leitlinie ist die Vision einer integralen Gesellschaft. Bei realpolitischen Entscheidungen wird geprüft, welche Variante (z.B. Ja oder Nein bei Volksabstimmungen) einen Schritt näher an die Verwirklichung dieser Vision führt.
      Als Orientierungshilfe in realpolitischen Fragen hat die IP eine Reihe von Grundlagenpapieren verabschiedet. Ob man diese als “Parteiprogramm” bezeichnen will oder nicht ist letztlich Geschmackssache.

      • Wer die Politik in der Schweiz macht und auch anderswo in Europa ist meist auf der roten, blauen und orange Stufe der Leiter der Dynamischen Spirale. Die Ideen von PI liegen allzuoft bei Gelb oder Türkis und somit unerreichbar für die Denkstrukturen der anderen Farben, sprich der vorgängigen Stufen.

    • Hallo Christoph
      Der Eindruck der anhaltenden politischen Unwirksamkeit bestärkt sich auch bei mir. Bin auf der Suche nach “Taten”, “greifbaren Zielen”, “Konkretem” und “Realem” beim Durchsuchen der gesamten Sitemap auf diese Zeilen gestossen.
      Die Frage ist: haben Artikel wie dieser ein Potenzial, oder nicht. Ist das eine Jahrhunderte dauernde tatenlose meditative Bewegung – und ja, der Eindruck festigt sich.