Auf halbem Weg

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Warten auf den Tipping-Point

von Werner Binder

  • Die seltenen Erden verramschen wir in elektronische Spielzeuge – selten schnell.
  • Die Meere der Welt werden in rasantem Tempo – schlimmer als je angenommen – zu globalen Müllkippen.

Der Tipping-Point (Anmerkung 1), die Umkehr also, der Bewusstseinswandel, lässt auf sich warten. Der „Mainstream“ kümmert sich nicht darum oder ist es gar er, der die „Mär vom baldigen Wandel“ propagiert, um die Menschen „friedlich“ zu stimmen?

Ist das Warten auf den Tipping-point denn eine Mär?

Seit mindestens 35 Jahren sagt man mir, dass es nicht mehr solange dauern würde, bis der Bewusstseinswandel (einige sprachen auch vom Quantensprung) hin zu einer integralen Gesellschaft und damit den Mainstream erreicht habe.

Dabei wird im Gegenteil Vieles schlimmer und das ist nicht einfach eine pessimistische Sicht, sondern die Realität.

Wir leben in einer dunklen Zeit. Wir Menschen sind es, welche die Finsternis verursachen. Wir plündern unseren Planeten und uns selber aus. In horrendem Tempo. Die Rastlosigkeit ist Mittel zum Zweck. Diese ist es, die uns daran hindert, das göttliche Licht, die all-gegenwärtige Gnade, die Liebe, wahrzunehmen, sie zu empfangen und zu integrieren.

Die neue Bürokratie (die hunderttausend Formulare, die wir in unserem Leben auszufüllen haben) beschäftigt uns so sehr, dass wir keine Zeit mehr finden uns zu spüren. Die hektische Mobilität lässt uns nicht mehr zu uns kommen.-  Ich mag übrigens diese Wendung: „zu uns kommen“. Die zahlreichen gesellschaftlichen Abwehrmechanismen hindern uns, oder sie erschweren es, zu uns, zu unserem Inneren, zu unserer Seele zu kommen.

Die globalisierte Gesellschaft scheint darauf angelegt zu sein, Bewusstseinserweiterung zu verhindern. Die gesamten Abwehrstrategien, welche Wachstum und Entwicklung bremsen oder gar verhindern, verinnerlichen wir sehr rasch und was dagegen steht, schaffen  wir ab. Ein Beispiel: Psychotherapeuten müssen sich nicht mehr (wie bisher) über 300 Stunden psychologische Selbsterfahrung ausweisen, sondern nur noch über 100 Stunden.  Dafür hat das Statistikstudium ständig an Gewicht gewonnen. Die Tendenz der Entpersönlichung ist allseits sehr leicht nachzuwiesen und zu spüren.

Geben wir es doch zu: Wir verfinstern uns.

Viele Menschen, die sich einst für einen spirituellen Weg entschieden haben, fragen sich heute: Wo stehen wir nun? – Halten wir an der Erwartung der baldigen kollektiven Erneuerung fest?

Sie stellen fest:

  • dass Viele einst auf den Weg Aufgebrochenen zu ihren alten „Hobbys“ zurückgekehrt sind: Schöner Wohnen, Wandern, Fussball, gediegen Essen, Schönheits-OP, eine neues Haus…
  • dass Andere versuchen aus ihren spirituellen Anregungen einen Beruf, ein Geschäft (Tantra. Reiki-Kurse) zu machen.
  • dass sich Spiritualität und Esoterik mancherorts mit Wellness verquicken.

Für Einige stellt sich „Spiritualität“ wie eine abgeschlossene Lebensphase dar, für die man sich geradezu ein bisschen schämt.

Orientieren wir uns deshalb an denen, die den Weg unbeirrt gehen.

Bitte denkt nicht, dass ich etwas gegen Esoterik oder gar Spiritualität habe, dass ich mich über Reiki oder Tantra lächerlich machen wolle. Ich bin auch das, worüber ich schreibe.

Ich stelle aber fest: Die Ökonomisierung der Welt ist gewaltig stark. Sie erfasst alles, wirklich alles – auch das Heilige. Der Markt und das entsprechende Denken ist übermächtig, vergewaltigend – und wir haben es einverleibt, verinnerlicht.

In den ersten Etappen der spirituellen Reise entdecken viele Menschen eine spürbare Erneuerung im Bewusstsein. Viele erfahren zum ersten Mal was bedingungslose Liebe meint und wie sich Erkenntnis manifestiert. Sie erleben nicht Worte, sondern Wirklichkeit mit Haust und Haar, in ihrer Seele. Sie beginnen tief innen zu verstehen und zu spüren, was Glückseligkeit (Ananda) ist und bedeutet. Einige ahnen, bei anderen wird es zur Gewissheit.

In späteren Weg-Etappen der spirituellen Reise zeigen sich uns auch Schmerzen und Leiden, Beschränkungen, Widerstände. Es kommt nicht selten vor, dass das Gefühl für alle konditionierten Konzepte und Identifikationen zusammenbricht, dass wir fassungs-los werden. Die Ego-Konstruktionen verflüchtigen sich. Vielleicht kommen Krankheiten, Unfälle, Verlust-Erlebnisse hinzu.

Spätestens jetzt beginnt die Tiefen-Entwicklung „der Reise“.

Zur bewussten Zusage zum Aspekt des Dienens gehört auch die Bereitschaft, sich an der Heilung und Transformation der unerlösten Zustände in unserer Seele und in unserer Gesellschaft zu beteiligen. Wesentlich dabei ist die Entwicklung unserer Geduld (ich könnte davon ein Liedchen singen), des langen Atems und der Beharrlichkeit im Tun.

Wahrscheinlich kommt es zum Tipping-Point, wenn  sich genügend Menschen dazu entschieden haben, die „Tiefen-Entwicklung der spirituellen Reise“ anzunehmen, also mit einem erleuchteten Herz in die bleierne Nacht unserer menschlichen Entwicklung Einblick zu nehmen und das Leiden mitfühlend auszuhalten und im Herzen zu wandeln, wie es zum Beispiel in der Methode des „Tonglen“ im tibetischen Buddhismus gelehrt wir (Anmerkung 2).

Erst jetzt in dieser zerbrechlichen Zeit wird es sich zeigen, ob wir die Würde und Hilfsbereitschaft des „neuen Menschen“ anzunehmen bereit sind und den Gang auch im Leiden (welches freilich die Verbindung zur göttlichen Freude beibehalten hat) aufrecht fortsetzen.

Die kollektiven Schatten über Europa, Schmerz und Leid, wirken auch in uns. Sie rufen nach Heilung.

Ich sehe folgende Bereiche/Themen, die nach Bearbeitung und Heilung rufen:

a) Die Kriege, insbesondere der 1. Und 2. Weltkrieg mit ihrer unfassbaren Gewalt, den Millionen nicht beweinter Toten. Die Weltkriege bedrücken auch die nachfolgenden Generationen, umso mehr als die Trauerarbeit der Haupt-Betroffenen nicht geleistet wurde.

b) Kulturverlust. Die kulturell und zum Teil auch spirituell so wunderbaren Phasen des Aufbruchs vor dem 1. Weltkrieg (19.00 bis 1914), zwischen den Weltkriegen (die goldenen Zwanzigerjahre) und die kulturelle Vielfalt und Erneuerung in den Siebzigerjahren (ab 68), wurden währenddessen (entartete Kunst) oder danach weitgehend wieder rückgängig gemacht oder vergessen. Die Retro- und Regressionsbewegungen (Nostalgie) waren ungemein wirksam – vernichtend.
Der Neo-Liberalismus und der Turbo-Kapitalismus setzten sich durch. Das Lebendige wurde und wird vermarktet, kontrolliert und katalogisiert.

c) Die Krise des Christentums. Die Kirche, die sich mit den Machthabern (2. Weltkrieg!) opportunistisch arrangiert hatte und die verbreitete Bigotterie und Spiessigkeit des herrschenden „Glaubens“) führte kaum zu einer Aufarbeitung der Schatten, sondern zu einem Exodus, beziehungsweise zu einer Flucht aus der  Religion oder in die Abwanderung in andere Religionen, ohne Aufarbeitung. Die meisten enttäuschten Christen jammern über die Versäumnisse der christlichen Religion, ohne sich mit der mystischen Seite der Kirche zu befassen und ohne sich mit den aufbauenden Tendenzen christlicher Bestrebungen auseinanderzusetzen. So kennt zum Beispiel fast niemand in West-Europa das hoffnungsvolle Wirken des grossen christlichen Mystikers Peter Deunow (Beinsa Douno) in Bulgarien in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. – Der Dalai Lama sagt stets zu den Europäern, die Zuflucht zum Buddhismus nehmen: Vertieft euch zuerst in den Kern eurer eigenen Religion, in die ihr hinein geboren worden seid.

Diese drei Bereiche, die ich hier sehr kurz skizziert habe, mögen aufzeigen wie mächtig und umfangreich die Schattenwände sind, denen wir gezwungenermassen auch auf unserem inneren Weg begegnen, denn in dieser europäischen Welt, die so viel Gewalt enthält, sind wir sozialisiert worden.

Wir sollten unsere Schritte auf unserer spirituellen Reise weder unterschätzen, noch überschätzen. Ich neige dazu zu denken, dass wir sie eher überschätzen. Die Reise in die tiefen Schichten unseres Alltags stehen uns noch bevor.
Solange wir nicht wirklich bereit sind den Weg in die Tiefe zu wagen – in aller Bescheidenheit und Ehrfurcht – wird der Tipping-Point auf sich warten lassen.

Haben wir den inneren Punkt der Umkehr und der Transformation in uns eingepflanzt und haben wir uns ihm verpflichtet? Pflegen wir ihn? Was bedeutet es, wenn wir uns anbieten selbst zum Wandel, den wir anstreben, zu werden? Im Extremfall kann das zu unserem Tode führen. – Wagen wir es, dies zu denken? Wenn es wahr ist, dass der Weg der Neuwerdung durch die Tore des Todes führt, wenn wir einen tiefgreifenden Wandel (eine Transformation, eine Mutation gar) antreten, dann kommen wir nicht darum herum, die Zeichen des Todes ins uns und in der Gesellschaft anzuschauen und darüber zum kontemplieren.

Anmerkung 1: Tipping point bezeichnet einen Punkt oder Moment, an dem eine vorher geradlinige und eindeutige Entwicklung durch bestimmte Rückkoppelung abrupt abbricht, die Richtung wechselt oder stark beschleunigt wird.

Anmerkung 2: Tonglen basiert auf Atem-Arbeit und Mitgefühl. Dunkles, Unerlöstes soll im Licht des Herzens (Einatmen) in Liebe und Mitgefühl verwandelt werden und aus solches liebevoll in die Welt ausgeatmet werden.
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2 Kommentare zu “Auf halbem Weg

  1. Ja, wir leben in einer Suchtgesellschaft. Überhaupt ist unsere Gesellschaft vom menschlichen Standpunkt her gesehen recht “krank”. Tragisch ist, dass die Sucht die Negativität zusätzlich noch fördert. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass die Einzelnelnen und auch ich den Weg weitergehen. Es gibt so viele positive Ansätze unter Menschen, die ihre Sucht überwunden haben oder nicht mehr darin stecken. Jeder Tag hat seine eigene Energie und wer mit dieser schwingt, hat’s besser. Aber: die Schattenseiten müssen halt schon angeschaut werden. Herzliche Grüsse – Erika

  2. Ja, der Prozess ist schmerzhaft, denn er berührt die tiefsten Verletzungen in unserem Inneren. Ich glaube, dass sich der Zustand der modernen Welt mit dem Krankheitsbild der Sucht recht gut verstehen lässt. Eckhart Tolle spricht von einer Schmerzbetäubungsindustrie. Es ist eine Konsumsucht, der Fix, der kurze Kick und wir brauchen immer mehr. Das wird gespiegelt durch eine gewinnabhängige und profitsüchtige Wirtschaft. Das selbstschädigende Konsumverhalten ist längst außer Kontrolle. Die Sucht ist v.a. eine Krankheit des Geistes, die nur auf spirituellem Weg geheilt werden kann.
    Die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Alkoholsucht bringt mich mit den schmerzhaften Seiten in Berührung, die endlich gesehen werden, endlich gefühlt werden wollen. So ist die Sucht einerseits tragisch, andererseits auch eine großartige Gelegenheit, denn ohne das Scheitern, die Kapitulation (1. Schritt der Anonymen Alkoholiker) hätte ich mich wohl nie auf diesen beschwerlichen Weg gemacht.
    Der 12. Schritt der AAs lautet: Nachdem wir durch diese Schritte ein spirituelles Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.